Der Kreissaal ist geschlossen. Ok, den gibt es bei uns nicht wirklich. Aber alle Ziegen hier in Emelys Zickenzone haben abgelammt. Was für ein Wort – a-b-g-e-l-a-m-m-t. Klingt fast wie abgewrackt und drückt doch das krasse Gegenteil aus: Hinein ins Leben – und wer kann das besser untermalen als Zicklein? Kaum durch die Enge des Geburtskanals gezwängt,  zappeln die vier Mini-Paarhufe auf dem Stallboden und geben den staksigen Beinen die deutliche Anweisung „aufstellen“.  Kein Problem in 2015. Der Nachwuchs ist prächtig und hat meist schon innerhalb der ersten viertel Stunde den Weg an die mütterliche Milchbar gefunden.
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Da braucht´s keine Regie, die führt die Natur selbst. Schwieriger ist es schon mal, die Zitze ins kleine Maul zu kriegen. Vor allem bei Liesel, die hat ja fingerlange, daumendicke Striche (so heißen die Zitzen im Fachjargon).  Meine sind feiner, kleiner, zarter. Erna und Else, meine Zwillinge, müssen ganz schön suchen bis sie die Fingernagel großen Milchspender zwischen Zunge und Gaumen klemmen können. Haben die ein Tempo drauf beim Saugen, da ist eine Melkmaschine nix dagegen. Am Anfang hatte Else nicht so recht raus wie´s geht. Da musste Renée ein bisschen nachhelfen. Den Trick hat sie von mir abgeschaut: Einfach an der Schwanzwurzel kraulen und schon wird der Saugreflex ausgelöscht. Wunderwerk.  Und belebend, denn nach der Mahlzeit drehen die kleinen Wilden kunstvolle Pirouetten und meterhohe Kapriolen, springen sogar auf menschliche Rücken – oder, schlimmer: auf meinen. Sie erobern Schubkarren und natürlich die Hochebenen im Stall, die eigentlich unsere Schlaf- und Ruheplätze sind.

 

Während der Kindergartenzeit mit über 40 Zicklein hier in der Zickenzone donnern die Lämmer die Rampen hoch und die Stege entlang. Ich leg mich – klug wie ich bin – einfach darunter und lass den Kindergarten toben. So kann ich in Ruhe wiederkäuen und all das gute Futter – erste zarte Kräuter von der Wiese und duftendes Heu aus der Raufe – für mein komplexes Verdauungssystem optimal vorbereiten. Rülpsen, dicke Backen machen, rhythmisch durchmalmen, schlucken – und weiter geht´s immer wieder von vorn. Einfach herrlich dieses Leben als Wiederkäuer auf dem biodynamischen Hof. Futter kommt direkt aus der unmittelbaren Umgebung, ist selbst hergestellt und optimal für mich. Wurde ja auch mit meinem Mist gedüngt. Ok ok – ich gebe es zu, unsere Kühe tragen auch dazu bei. Über die Unterschiede dessen, was bei denen und bei uns rauskommt werde ich mich hier und heute nicht ausführlich auslassen.

 

Ich erinnere nur mal kurz an den Besuch des Kindergartens, bei dem besonderes aufgeweckte Mädchen davon abgehalten werden musste, unsere Hinterlassenschaften als vermeintliche Schokorosinen zu probieren. Beim Kuhfladen wären sie nie auf diese Idee gekommen. Apropos: Renée beobachtet  genau, wie sich die Ausscheidungen der Zicklein verändern. Sie zieht sogar Vergleiche zu ihren eigenen Kindern und hat mir vom Kindspech erzählt. Stimmt, der erste Schiss des Nachwuchses ist wirklich schwarz und klebrig und breiig. Aber ganz schnell kullern die Ziegen-typischen Köttel hinten raus. Kein Wunder, schließlich fangen die Lämmer schon nach wenigen Tagen an,  Heu und Stroh und Hälmchen mit zu futtern. Der Nachahmungstrieb ist schon ein starker Impulsgeber. Das machen die Kälber genauso und die Küken hier bei uns auch. Naja, Küken haben es schwerer als Zicklein. Wenn ich die Glucke so beobachte fürchte ich manchmal, die bekommt noch einen Herzinfarkt – so regt die sich auf wenn die Federbällchen mal ein paar Tippelschritte zu vorwitzig in die falsche Richtung machen.

 

Aber selbst bei uns gibt es Ziegenmütter, die sich stressen. Ehrlich, dieses Jahr sehe ich das überdeutlich bei Lara. Die steht doch eigentlich total gut im Leben. Ich habe sie sogar als meine Nachfolgerin für die aufreibende Tätigkeit als Herdenchefin ganz oben auf der Liste, aber davon ein anderes Mal mehr.  Seitdem ihre kleine Laetitia da ist hat Lara keine ruhige Minute mehr. Ein Einzelkind, nicht  ganz so einfach wie meine Zwillinge denke ich mal. Aber Lara erzählt der Kleinen ja auch unentwegt wie gefährlich das Leben ist: Bleib hier. Renn nicht auf die Rampe. Halte dich vom Bach fern. Die Brücke darfst du noch nicht überqueren. Wie willst du jemals wieder von diesem Strohballen runter kommen –  leg dich mal zu mir und halte Ruhe – uff. Soll sich mal ein Beispiel an mir nehmen und an Louise, Luna, Lina, Elvie und all den anderen. Wir liegen hier ganz entspannt, genießen die April-Sonne und lassen den Kindergarten ziehen. Spätestens wenn sie Hunger haben sind sowieso alle Zicklein wieder da. Und heimlich grinse ich in mich hinein, wenn sich die Besucher  in der Zickenzone wundern, wie in all dem Gewusel stets das richtige Lamm zur richtigen Ziegenmama findet. Mein Meckern ist der exklusive Lockruf für Erna und Else. Der war das erste was sie gehört haben und hat sich tief eingeprägt. Gut, dass ich nicht so viel rumquatsche wie Lara in Richtung Laetitia. Deren Ohren stehen doch schon auf Durchzug. Aber meine Zwillingsmädchen wissen immer, wenn sie meine Stimme hören, dass es gilt. Weniger ist halt doch oft mehr.

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