Nastasia ist 39 Jahre alt und lebt als überzeugte Veganerin. In ihrer Vorstellung von einer idealen Welt existiert keine Habgier, dafür besteht allgegenwärtiger Respekt vor dem Leben. Wer jetzt denkt, dass es sich bei Nastasia um eine humorlose Moralpredigerin handelt, täuscht sich. Meine erste Interviewpartnerin zeigt sich lebenslustig und tolerant. Ihr Motto ist eben nur: Ich mach´da nicht mit. Nö.

Nastasja
Nastasja nimmt sich selbst nicht zu ernst. Dieses Foto habe ich auf ihrer Facebook Seite entdeckt.

Hallo Nastasia, zu Beginn erst einmal vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst, mit mir zu sprechen!

Na klar, das mache ich gern. Wobei ich mich selbst eigentlich für ziemlich normal halte (lacht).

Bei der Aktion „Helden des Alltags“ geht es um Menschen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie sich mit ihrem Verhalten von der Masse abheben, weil sie Altbekanntes in Frage stellen. Du wurdest mir als „Hardcore Veganerin“ vorgestellt. Seit wann lebst Du vegan?

Richtig vegan lebe ich jetzt seit knapp 4 Jahren. Davor habe ich die meiste Zeit überwiegend vegetarisch gelebt. Schon als Kind hab ich mir viele Gedanken gemacht. Im Alter von 10 bis 16 Jahren habe ich bereits kein Fleisch gegessen. Als ich später schwanger war, habe ich meinen Gelüsten aber nachgegeben.

Verzichtest Du nur auf tierische Lebensmittel?

Nein, ich achte auch bei Kleidung genau darauf, was ich da anziehe. Leder geht zum Beispiel gar nicht und mein Schal ist halt dann aus synthetischer Wolle. Ich finde wirklich, wir leben in einer Zeit, in der wir nicht mehr auf diese Produkte zurückgreifen müssten.

Veganismus wird oft als Trend bezeichnet. Wie kam es bei Dir zum Umdenken?

Das ging bei mir wie gesagt schon im Kindesalter los. Ich wollte immer total gerne einen eigenen Bauernhof. Der Standardsatz in meinem Umfeld war damals: Dir ist doch klar, dass Du dann jeden Tag um die gleiche Zeit aufstehen musst, um die Kühe zu melken? Ich dachte zu der Zeit, dass eine Kuh immer Milch hat. Dann ist mir bewusst geworden, dass nur Milch vorhanden ist, wenn ein Kälbchen da ist. Dass das also die Muttermilch ist, die Nahrung der Kinder, die wir uns da einfach nehmen. Da ging mein Umdenken schon los.

Ein weiteres Schlüsselerlebnis hatte ich später, als ich mit einer Freundin und meinem Patenkind in der Nähe des Schlachthofs unterwegs war. Wir hörten plötzlich höllische Schreie. Die gingen wirklich durch Mark und Bein, so dass wir nur noch gerannt sind. Nach dem ersten Schock wurde mir dann bewusst, dass das Tiere waren, die da so geschrien haben.

Gibt es trotz aller guten Vorsätze Momente, in denen Du schwach werden könntest? Was fällt Dir im alltäglichen Leben besonders schwer?

Anfangs dachte ich wirklich ich müsste sterben ohne Käse! Ich musste das Kochen regelrecht neu erlernen. Das hat dann schon so drei Monate gedauert. Mittlerweile genieße ich mein Essen noch viel mehr als früher und weiß, wie groß meine Auswahl eigentlich ist. Man bekommt einfach ein ganz neues Bewusstsein und auch die Geschmacksnerven verändern sich. Eine Freundin hat mir mal versehentlich den falschen Kaffee hingestellt. Die Milch darin hat mir einfach überhaupt nicht mehr geschmeckt.

Und klar gibt es Situationen im Alltag, da nervt’s mich schon mal. In Restaurants wäre ich freilich froh, wenn ich mehr Auswahl hätte. Aber dann nehme ich mir eben einfach was Eigenes mit und ein Salat geht ja immer. Wobei man da auch schon drei Anläufe gebraucht hat, um mir den richtigen Teller zu bringen. Man glaubt ja gar nicht, was heutzutage alles in den Salaten drin ist. Früher war das mal geschnittenes Gemüse! (lacht) Aber ich muss auch sagen, mittlerweile tut sich ja wirklich was. Viele Restaurants ziehen langsam nach.

Du hast eine siebzehnjährige Tochter und lebst in einer festen Beziehung. Wie kommt Dein näheres Umfeld mit Deinem Veganismus klar?

Meine Tochter darf natürlich Fleisch essen. Ich möchte nur, dass sie das unbedingt bewusst tut. Wenn sie sich einen Döner holt, necke ich sie, indem ich sage „Man isst keine Babys“. Sie verdreht dann die Augen, aber Reibungspunkte gibt es nicht wirklich. Ich kaufe ihr Fleisch aber koche es nicht.

Meine Partnerin ist Vegetarierin. Im Gegensatz zu mir, hat sie glaube ich schon das Gefühl, auf etwas verzichten zu müssen. Ihr fällt es manchmal schwer. Im Alltag sind wir uns aber trotzdem ziemlich einig. Meistens koche sowieso ich zu Hause, weil ich das gerne mache und mittlerweile kann ich das auch richtig gut.

Das klingt doch ganz harmonisch. Wie reagieren Fremde und Bekannte? Hast Du manchmal das Gefühl Dich rechtfertigen zu müssen?

Da gibt es immer zwei Arten von Reaktionen. Oft denken lustigerweise meine Mitmenschen, dass sie sich vor mir rechtfertigen müssen! Sie erzählen mir sofort, wo sie ihr Fleisch kaufen und warum. Wenn ich zu Besuch komme, ist es den Leuten häufig unangenehm, wenn sie mir nichts anbieten können. Da bin dann eigentlich ich diejenige, die das locker sieht, während die Anderen sich um Kopf und Kragen reden.

Es gibt aber auch Menschen, die greifen mich sofort an, wobei ich wirklich zu keiner Zeit maßregle. In den Anfängen war das anders. Da war ich wütend auf die ganze Welt und dachte alle sind bescheuert mit ihrer Verdrängung. Heute bin ich da ganz entspannt. Leben und leben lassen. Trotzdem meinen manche Menschen sofort mit mir diskutieren zu müssen. Da kommt es dann immer darauf an, ob hinter den Argumenten einfach nur Unwissenheit steckt. In dem Fall diskutiere ich dann auch nicht. Ich wettere aber schon lange nicht mehr zurück. Meistens lächle und nicke ich einfach. Ich denke ich bin ganz schlagfertig. Bei Sprüchen wie „Du Hippie isst doch eh nur Blumen!“, knalle ich den Leuten halt auch freundlich was vor den Latz.

Die Berichte darüber, dass Veganer unter Mangelerscheinungen leiden, häufen sich ja momentan. Gesundheit ist sicher auch ein Thema, zu dem Du Dich erklären sollst, oder?

Ich fühle mich seit ich vegan lebe sehr viel fitter. Das einzige, worauf ich achte, ist Vitamin B12. Das nehme ich über meine Zahnpasta zu mir. Ich informiere mich ausreichend und man darf auch nicht die vielen Studien übersehen, die belegen, dass der Konsum von Fleisch- oder Milchprodukten zu Krankheiten führen kann. Altersdiabetes oder Brustkrebs zum Beispiel. Die Entscheidung vegan zu leben hat für mich ja nicht zuletzt unter gesundheitlichen Aspekten stattgefunden. Wenn man sich genügend mit veganer Ernährung beschäftigt, dann hat man eine riesige Auswahl und ich bin durchaus in der Lage mich vielseitig zu ernähren. Auch wenn die ganze Welt zu denken scheint ich esse nur Heu.

Womit wir bei einem interessanten Punkt wären. Was isst Du am liebsten?

Kürzlich habe ich ein Rezept für veganen Zwiebelfleischkäse gefunden. Da könnte ich mich reinlegen! Ich liebe auch Spargel mit Sauce Hollandaise.

Sauce Hollandaise?

Die besteht bei mir dann halt aus Pflanzenmargarine, Sojamehl und Gemüsebrühe. Ich schmecke da kaum einen Unterschied.

Hast Du noch einen Tipp für alle, die sich gerade an der Schwelle zum Veganismus befinden?

Ja: Gehe niemals mit der Vorstellung an die Sache, dass es veganen Käse gibt, der auch so schmeckt!

 

Liebe Leser, jetzt seid Ihr wieder dran! Wobei macht Ihr nicht mit? In welchen Lebensbereichen verhaltet Ihr Euch normwidrig? Veganerin Nastasja ist nur ein Beispiel von unendlich vielen. Ich freue mich schon darauf, Euch kennenzulernen!

 

 

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