Ihr kennt das wahrscheinlich: da geistern Vorurteile durch die Welt und halten sich hartnäckig. Solche bösen Vorurteile gibt es durchaus auch über Ziegen. Als da wäre …. Ziegen sollen überaus mäkelig sein beim Futtern. Um es eindeutig klar zu stellen: das kann ich nicht bestätigen. Sicher, meine Kolleginnen und ich hier in der Zickenzone stopfen nicht einfach wahllos in uns hinein, was uns vorgesetzt wird oder uns quasi ins Maul wächst. Wir selektieren – klingt das nicht wunderbar intelligent? Am Waldrand locken Blätter und Rinde der Bäume, ein Gedicht auf der Zunge und am Gaumen. In der Bachböschung knipsen wir die Blütenstände der Distel ab und unterbrechen ihren Vermehrungszyklus, ist das nicht biologisch sinnvoll? An der Heuraufe schiebe ich schnödes Weidegras in die hinterste Ecke und bevorzuge Brennessel, Pimpernelle und Spitzwegerich – dafür sprechen ja fast schon medizinische Indikationen. Warum gelingt es Renée nicht immer, dieses Auswahlverfahren in unserer Ernährung warmherzig und freundlich zu begleiten? Warum verscheucht sie uns von den knospenden Obstbäumen oder schickt gar die Hütehunde hinterher, wenn wir ausnahmsweise an jungen Salatpflanzen oder leuchtenden Ringelblumen naschen wollen? Hat sie ganz vergessen, wie es in ihrem Vorratsschrank, im Kellerlager oder im Kühlschrank aussieht? Na bitte, selektives Einkaufs- und Essverhalten müsste uns doch verbinden.

Einfach nur Futter?
Als ich letztens meine überaus beweglichen Ohren spitzte, konnte ich sogar ein geradezu tiefgründiges Gespräch zwischen unserer Chefin auf zwei Beinen und ihrem Hofbesuch belauschen. Da ging es um Essen, worum auch sonst. Aber nicht um riechen, kauen, genießen, verdauen und Kräfte gewinnen. Sondern um Ethik und Moral. Geradezu philosophisch wurde es. „Wie wahre ich die Integrität der Pflanze?“ stand als große Fragewolke im Raum der Zickenzone. Wie bitte?

Pflanzen haben ein Recht auf Integrität, auf Eigenständigkeit, Erhaltung der eigenen Art und auf respektvolle Forschung. Das ist jetzt nicht etwa die Übertragung der Menschenrechte auf Pflanzen (wie sie für Menschenaffen ja bereits gefordert wird), sondern die Kernaussage der sogenannten „Rheinauer Thesen“. Die Wissenschaftler, die sie formuliert haben, sehen Pflanzen als anpassungsfähige Individuen, die nicht beliebig instrumentalisiert werden dürfen. Renée meint, Pflanzen sind geheimnisvoll-andersartige Lebewesen, die Menschen noch gar nicht gut genug kennen. Soll sie uns doch mal fragen. Wir Ziegen kennen Pflanzen und erkennen sie gut in ihrer Einzigartigkeit. Naja, mit dem Schutz ist es so eine Sache …. Kann frau das von Ziegen erwarten? Im Prinzip schon, denn wenn wir Ziegen genug Lebensraum und Futter vorfinden, fressen wir immer nur so viel, dass neue Pflanzen nachwachsen können. Sind wir damit nicht auch so was wie die Erfinderinnen der Nachhaltigkeit? Zwischendrin hatte ich mich beim Wiederkäuen etwas weggedöst, aber als das Gespräch dann lauter wurde, war ich gleich wieder hellwach. Da schwang Empörung in den Stimmen mit – kein Wunder, denn mir stellten sich die Tasthaare fast senkrecht auf, als ich mitanhören musste, was Menschen alles einfällt, um Pflanzen auszubeuten. Okay, von dem ganzen Chemieprogramm mit Kunstdünger und Giftspritze hatten selbst wir hier in der biodynamisch-idyllischen Zickenzone schon was mitgekriegt (es gibt schließlich Nachbarn). Aber von Terminatortechnologie, Patentierung und Genmanipulationen im Labor hatte ich noch nie gehört. Da wird Pflanzen eine cytoplasmotische männliche Sterilität eingebaut – an dem Wortungetüm habe ich lange geübt. So entstehen dann unfruchtbare Gemüsepflanzen, so genannte CMS-Hybriden. Aus ihrem Samen wächst dann nicht mehr neues gutes Gemüse, sondern eher kümmerliches unbrauchbares. Wer kann sowas wollen? Saatgutmultis, sagt Renée zur Hofbesucherin und runzelt die Stirn. Die wollen nämlich jedes Jahr neu ihr Saatgut und möglichst gleich auch das passende giftige Spritzmittel dazu verkaufen. Vorbei mit der Autonomie des Gärtners oder Bauern, der von seinen eigenen Pflanzen furchtbares Saatgut gewinnen kann. Hört sich trostlos an und traurig. Aber offenbar gibt´s Hoffnung. Eine Hoffnungsträgerin habe ich schon kennen gelernt – ach was, lieben gelernt. Sie heißt Aromata, ist eine Pastinake, und zwar eine biodynamisch gezüchtete, samenfeste Sorte. Nix mit Gen-Manipulation im Labor. Freie Samenliebe unter freiem Himmel sozusagen. Und was kommt raus dabei: Geschmack. Der Name ist nämlich durchaus Programm. Diese Pastinake hat Aroma. Woher ich das weiß? Ausnahmsweise nicht vom unerlaubten Betreten des Gemüsegartens. Sondern weil Renée morgens immer Pastinaken roh verspeist und mir die Schalen und manchmal auch Spitze und Ende der Aromata abgibt. Hat schon Vorteile wenn man die Lieblingsziege der Chefin ist…..

Unbenannt-2

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