Das Netz ist ein guter Ort

„Junge, ich habe in der Zeitung gelesen, dass du ein Blogger bist. Ist das was Schlimmes?“

„Nein, Mutter. Das heißt nur, dass ich Sachen ins Internet schreibe und Menschen das kommentieren können. Das nennt man dann Bloggen.“

„Und seit wann machst du das?“

„Nun, seit ungefähr zehn Jahren.“

„Und warum?“

„…“

Dieser Dialog mit meiner 80jährigen Mutter hat sich vor wenigen Wochen ziemlich genau so zugetragen. Und ich muss ehrlich gestehen, dass ich ihr die letzte Frage so spontan nicht beantworten konnte. Ich musste erst mal in Ruhe nachdenken.
Warum blogge ich und vernetze mich online mit Menschen? Was ist die Motivation? Was treibt mich an? Hohe Leserzahlen sind es nicht. Ich bin niemand, der auf Quote bloggt und seine Texte für die Auffindbarkeit in Suchmaschinen optimiert. Auch das Design meines Blogs ist nicht besonders nutzerfreundlich. Die Antwort auf das „Warum“ liegt auch weniger im Blog selbst sondern vielmehr in den zahlreichen Menschen, die ich über das Blog und meine sonstigen Aktivitäten im Internet kennenlernen durfte.

Wird in klassischen Medien über das Internet und insbesondere über Soziale Netzwerke berichtet, geschieht das nicht selten im Zusammenhang mit Empörungswellen oder so genannten Shitstorms. Menschen fallen virtuell übereinander her und fügen sich im Schutze der digitalen Anonymität Verletzungen zu, zu denen sie in der realen Begegnung wahrscheinlich niemals fähig gewesen wären. Allerseits wird dann die Verrohung der Sitten kolportiert und beklagt. Bis zu einem „früher war alles besser“ und „irgendwie realer“ ist der Weg nicht weit.

All diesen Unkenrufen möchte ich ein lautes „DENNOCH“ entgegen setzen. Denn ich glaube fest, dass das Netz immer so gut ist, wie wir es als Nutzer machen. Und in den letzten Monaten und Jahren durfte ich immer wieder wunderbare Erfahrungen machen. Erfahrungen, wie Menschen einander geholfen, ermutigt und ermuntert haben. Ganz virtuell, aber eben auch ganz real. Würde man Adorno in die virtuelle Welt von heute übersetzen, dann könnte man sagen: „Es gibt nichts Irreales im Digitalen.“

Wie real diese Netzwelt ist, lässt sich beispielsweise auf BarCamps erleben.Veranstaltungen mit einem Thema, aber ohne feste Agenda. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bringen Themen, Workshops, Vorträge mit und stellen sich dem Votum der anderen. Die Ideen mit der größten Zustimmung kommen zum Zuge. Wissen wird ohne Vorbedingung geteilt und verbreitet. Aus eigener Erfahrung kann ich nur ermuntern, mal ein solches BarCamp zu besuchen. Es gibt sie zu fast allen denkbaren Themen, vom FoodCamp über das KrisenkommunikationsCamp bis hin zum FinanzCamp.

Ein weiteres schönes Beispiel für die Kraft des Guten im Virtuellen durfte ich in den letzten Wochen ganz nah begleiten und verfolgen. Vielleicht ist es der Einen oder dem Anderen ja bereits begegnet. Es geht um die eigentlich traurige Geschichte meines Freundes Kai, der Mitte Mai einen schweren Schlaganfall erlitt und kurzerhand als Ernährer seiner Familie ausfiel. Kai hat vor rund 10 Jahren einen Roman mit dem Titel „Willkommen im Meer“ geschrieben, den er Anfang des Jahres überarbeitet und dann im Self Publishing bei Amazon veröffentlicht hat. Kais Frau bat im Netz darum, sein Buch zu kaufen, um der Familie finanziell ein bisschen unter die Arme zu greifen. Was nach dieser Bitte passierte, das war ganz wundervoll und zeigte, dass Soziale Medien nicht umsonst den Begriff „sozial“ im Namen tragen. Tausende Menschen teilten den Aufruf, bei twitter war das Hashtag #einBuchfuerKai über mehrere Tage in den Top-Trends des Netzwerks. Und auf der Bestsellerliste von Amazon schoss das Buch binnen 24 Stunden von Platz 60.755 auf Platz 1, wo es zwei Wochen lang auch blieb. Mehr als 13.000 Euro zahlten Unterstützer der Familie auf ein Treuhandkonto ein.

Die große Welle der Hilfsbereitschaft führte binnen kürzester Zeit dazu, dass die finanziellen Sorgen gemildert werden konnten und die Familie zumindest diese Last nicht länger schultern musste. Auch Kai geht es besser und er macht in der Reha täglich kleine Fortschritte. Mittlerweile wurde sogar ein richtiger Verlag gefunden, der das Buch in der vergangenen Woche in den Buchhandel gebracht hat.

Ähnlich schöne Beispiele sind Intitiativen wie #1000MalWillkommen oder „Blogger für Flüchtlinge“. Bei letzterer organisieren sich seit einigen Tagen landauf landab Bloggerinnen und Blogger, um den Menschen die aus Not und vor Verfolgung zu uns fliehen konkret zu helfen. Sie arbeiten vor Ort aktiv mit, sammeln Geld, schreiben Texte, klären auf, stellen sich den Anfeindungen und Diffamierungen entgegen. Kurzum, sie zeigen Flagge.

All diese tollen Aktionen sind nur möglich, durch das Mittun der Vielen, das Vertrauen ineinander und die Bedingungslosigkeit dieser Gesten.

„Das Netz ist ein guter Ort, wenn wir es gemeinsam dazu machen.“

Ich finde, das ist Auftrag und Motivation zugleich. Gemeinsam können wir etwas erreichen. Ganz konkret. Wir können ermutigen, ermuntern, spenden, leihen, helfen, Wissen teilen … Lasst uns anfangen und nicht mehr damit aufhören. Eine jede und ein jeder im Rahmen ihrer und seiner Möglichkeiten. Überlassen wir weder die digitalen noch die realen Räume sich selbst, sondern gestalten sie aktiv mit.

Glück auf und #1000MalWillkommen!