Und ihr auch nicht – denn die Biofach in Nürnberg, die weltgrößte Fachmesse für Naturkost und Naturwaren, ist nur für ein ausgewähltes Publikum gedacht. Da bleibt die große weite Biowelt ganz unter sich. Verbraucherinnen und Verbraucher erfahren dann erst im Laufe der nächsten Monate, was es alles an leckeren oder verschönernden Neuheiten gibt, wenn sie – also ihr – im Biomarkt vor Ort über bisher noch nicht Gesehenes stolpern. Darauf dürft ihr alle schon gespannt sein.

12697472_1048695805180502_3036940362724338400_o
Aber so ein energisches „ihr dürft hier nicht rein“ wird in diesen Wochen auch von ganz anderen gesagt – von denen, die Menschen, die verzweifelt ihre Heimat verlassen und auf gute Zukunft in Europa hoffen , die Tür vor der Nase zuknallen möchten. Da steh ich dann doch etwas fassungslos daneben und wundere mich. Hier bei uns in der Zickenzone geht es nämlich durchaus vielfältig zu: bunt gefiederte Hühner, neugierige Pferde und ab und zu auch mal Besuch von einer Schafherde sind gern gesehene Gäste beziehungsweise Mitbewohner. Natürlich achten wir darauf, dass die Anzahl der Lebewesen hier passend zur Größe unserer Fläche ist und damit auch zum Futterangebot. Diese flächengebundene Tierhaltung ist ja schließlich ein Charakteristikum des ökologischen Landbaus und ein Signal gegen so genannte Massentierhaltung.Aber wem wird es denn in Deutschland zu eng, wem wird „Futter“ weggenommen?

Aber ich schweife ab – und kehre erst mal gern zurück in die Messehallen in Nürnberg, wo sich die Ökos ein Stelldichein geben. Naja, gern ist vielleicht übertrieben denn die Messehallen ermöglichen nur bedingt eine artgerechte Haltung für Menschen, meint jedenfalls die Chefin. Sie stöhnt jedes Jahr über die vier Messe-Tage in klimatisieren Hallen mit beständiger Geräuschkulisse und ohne Tageslicht. Was sollen da all die Tiere sagen, die ihr Leben eingepfercht in dunklen Ställen dahinvegetierend verbringen müssen, zum rein wirtschaftlich betrachteten Betriebsgut degradiert werden? Heute gehen mir ja die Pferde durch, denn schon wieder schweife ich ab vom Thema Biofach. Dabei gibt diese Messe doch wahrlich genug Stoff für interessante Infos her.

messestand

Ein wenig empört bin ich ja schon, dass der große Demeter-Marktplatz in Halle 7 ausschließlich unsere Kolleginnen, die großen Wiederkäuer, abbildet. Schönes Foto, ja, aber nur Rinder? Wo bleiben da die Ziegen? Immerhin , das Thema Hörner symbolisieren diese Kühe und Bullen und Kälber ja schon – und das ist auch gut so. Denn stellt euch vor, immer mehr wird in der Züchtung jetzt daran gearbeitet, genetisch hornlose Tiere zu produzieren – das sag ich in voller Absicht so technisch. Das Argument: so wird das furchtbare Enthornen das Kälber überflüssig. Hä? Höre ich richtig? Warum überhaupt enthornen? Ist doch mehr als überflüssig, ist eine Verstümmelung, tut weh, sieht schrecklich aus und greift mal wieder heftig in die Natur ein, um das Tier den wirtschaftlichen Interessen der Menschen unterzuordnen. Verrückte Welt. Apropos Zucht auf genetische Hornlosigkeit: ihr wisst ja, wer das bei Ziegen vorantreibt bekommt zur Strafe Zwitter (wie ich euch schon mal gut erklärt habe). Aber bevor ich noch weiter abschweife zurück auf die Weltleitmesse in Sachen Bio.

Und zurück zum Thema Züchtung. Darum geht es zum Beispiel auch im Biofach-Kongress. Die Chefin trifft sich da mit Menschen, die Getreide züchten, die Gemüse züchten, die das Öko-Huhn der Zukunft züchten. Klingt doch gut oder? Immerhin, bei Gemüse und Getreide gibt es schon ganz schön viele biodynamisch gezüchtete Sorten. Ihr erinnert euch: die Pastinake Aromata verspeist die Chefin gern schon zum Frühstück und wenn ich Glück habe partizipiere ich und bekomme die Schale. Lecker, denn die Sorten werden auch auf den guten Geschmack hin entwickelt. Aber der Hintergrund dieser teuren und langwierigen Züchtungsarbeit ist ein ganz ernster und nicht nur auf den sinnlichen Genuss ausgerichteter: Vielfalt geht verloren, wenn wir die Saatgutzüchtung den wenigen Konzernen überlassen, die im Labor neue Sorten entwickeln und dabei Manipulationen vornehmen, die manche Experten durchaus in den Bereich der kleinen Gentechnik einordnen. Habt ihr schon mal was von cytoplasmotischer männlicher Sterilität (CMS) gehört? Ja, klingt furchtbar und ist doch drin in manchen Gemüsesorten, zum Beispiel häufig in Blumenkohl.

Diese CMS-Züchtung arbeitet mit einer Zellfusions-Technologie und schafft es im Labor, ganze Zellinhalte auszutauschen. Diese Technik ist so weit von den natürlichen Vorgängen der Kreuzung und Rekombination entfernt, dass sie inzwischen von allen Ökos als unvereinbar mit den Prinzipien des Ökologischen Landbaus gesehen wird. Demeter und die anderen Verbände Die BÖLW- Anbauverbände haben deshalb schon vor einigen Jahren beschlossen, den Anbau von Sorten auszuschließen, die mit der CMS-Technik hergestellt wurden.

Blöd ist nur, dass im normalen Einkaufsalltag gar nicht erkennbar ist, ob diese neuen Züchtungstechniken wie etwa Zellfusionstechniken angewandt wurden, wenn der Blumenkohl so verlockend im Gemüseregal liegt. Deshalb fordert die Bio-Branche, dass die daraus entstandene Sorte entsprechend gekennzeichnet werden muss. Nur so haben Landwirte und Gärtner die Wahlmöglichkeit beim Saatgut und ihr als Verbraucher dann beim Einkauf. Das klingt doch ganz schön politisch, was da zwischen neuer Antiaging-Schönheitspflege und brandaktuellen veganen Brotaufstrichen alles bei der Biofach zu lernen ist. Schade, dass wir da nicht reinkommen – und gut, dass ihr hier zumindest durch unsere Bio-Blog-Brille etwas über die Messe erfahrt.

Share on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someoneShare on Facebook