kikaamaa2015Unglaublich, was hier manchmal abgeht. Da laufen drei gesunde Hunde über die Wiese, könnten sich ihre Nahrung doch locker selber suchen – es gibt schließlich mehr als genug Mauselöcher im zartsprießenden Grün – aber was macht die Chefin? Versteckspiele mit Futter. Mir stellt sich die Frage, wer daran mehr Spaß hat, die Vierbeiner oder die zweibeinige Initiatorin. Die Hütehunde laufen Formation um die Frau, hochgereckte Köpfe mit Blickkontakt ins menschliche Antlitz, und mit wenigen Körpersignalen des Zweibeiners lassen sich diese Abkömmlinge von Wölfen zu einem impulsiv eingesprungenen Platz, einem imposanten Sprung oder einem rasanten Spurt verleiten.

Die Krönung jedes dieser Wiesenrundgänge in der Mittagszeit: Kira, Kaalotta, Maalin – so heißen die drei –  verharren in gespannter Liegestellung, während die Chefin geheimnisvoll rumschleicht und Leckerli versteckt. Das sind zum Beispiel Käsereste, Pansenstücke, Hundekekse oder Trockenfische – igitt. Dann werden die Fellnasen einzeln auf die duftende Fährte geschickt und sammeln ihre „Beute“ ein – absolut lächerlich finde ich das.

Ginge mit uns Ziegen auch gar nicht – wer von uns ließe sich etwa daran hindern, zur Heuraufe zu schreiten oder die Schrotschüssel zu leeren? Aber Hunde sind eben eine andere Spezies. Sie himmeln die Menschen offenbar an – was man von Zicken nun wirklich nicht behaupten kann. Wir sind einfach autonom, Hunde sind abhängig. Dabei gehören Hütehunde wie unsere drei hier in der Zickenzone noch mal zu einer besonderen Kategorie. Sie können sogar relativ selbstständig arbeiten – behaupten sie jedenfalls und bekommen auch noch Rückendeckung von der Chefin. Geradezu übereifrig und fast schon angeberisch lassen sie sich schicken, wenn wir als Herde mal wieder im letzten Winkel der Weide das Heimkommen verzögern wollen. Aus dem Augenwinkel sehe ich sie schon heranpreschen. Dank unserer horizontalen Pupillenschlitze haben wir eben ein richtig weites Gesichtsfeld – und das ist auch gut so. Es ermöglicht uns eine ausgezeichnete Rundumsicht von etwa 270°. Ja, da staunst du – schau mir mal in die Augen, Kleiner. Und weil sich Ziegen-Pupillen hauptsächlich vertikal verengen stört selbst helle Sonne nicht. Soweit mal zur Ziegen-Anatomie des wichtigen Sinnesorgans Auge und zurück zu den hütenden Wuffies.

SONY DSCEin wenig bewundere ich klammheimlich ja schon, wie sie sich den Job aufteilen. Offenbar führt Kira als erfahrene ältere Hundedame da Regie. Sie schickt ihre Tochter Kaalotta zur allerletzten Ziege, diesmal ist es Luna – und die erschrickt sogar ein wenig, hat wohl zu sehr dem Geschmackssinn vertraut angesichts des verlockenden Futterangebotes auf der biodynamischen Wiese. Ansatzlos startet Luna durch und schließt zur Herde auf, die von Kira und Maalin an beiden Seitenflügeln abgeschirmt wird. Lunas Schwung, gesteigert durch Kaalottas Galopp gleich hinter ihr, wirkt. Alle 14 machen wir uns relativ flott auf den Weg in Richtung Offenstall – ich allerdings nehme meine Sonderrolle ein und stoppe schon nach wenigen Metern. Demonstrativ schere ich aus, zupfe Blüten von ohnehin unerwünschten Disteln und blinzele in den Himmel.

Auf den Hundegesichtern entwickelt sich zeitlupenartig der Ausdruck für „Überraschung“ – immerhin können Hunde ihre Gesichtsmuskeln zu einigen Ausdrucksformen verändern. Ausgerechnet die Jüngste traut sich und kommt auf mich zu. Maalin spielt mutig, ich lach mich schlapp. Gebieterisch nehme ich langsam meinen Kopf runter – und ja, die kleine Hündin sieht meine eindrucksvollen Hörner. Irritiert stoppt sie und erinnert sich, einmal hat sie diese wunderbaren Organe, von denen ich ja so gerne plaudere, ganz sanft an ihren Rippen gefühlt. Klug ist das Hundetier ja, denn mit einer raschen Wendung spurtet es der Herde hinterher und wird von der Chefin verständnisvoll empfangen: „Ich weiß, Emely ist unhütbar.“ Na also, geht doch.

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