kräuterspirale
Es klingt wie ein Wort aus längst vergangenen Zeiten: Leibspeise. Wie schön, dass der Begriff nicht zu den vom Aussterben bedrohten Wörtern gehört wie Amtsschimmel oder Beutelschneider oder Xanthippe (ja, es gibt inzwischen wirklich eine Rote Liste von bedrohten Wörtern www.bedrohte-woerter.de – und da kann jede*r weitere Begriffe vorschlagen, aber das nur mal so am Rande).

Wer sagt eigentlich noch Leib wenn er oder sie vom Körper spricht? Wer erzählt vom speisen wenn es um ein tolles Essen geht? Aber in der Kombination wird der Begriff Leibspeise weiter benutzt und das ist auch gut so, finde ich zumindest. Alternativen sind übrigens Lieblingsessen und wer die Freude am individuell allerbesten Gericht untermalen will stöhnt schon mal: da könnte ich mich reinlegen.

Für Goethe soll das übrigens bei der Frankfurter Grünen Sauce der Fall gewesen sein – der „Frankfotter Grie Soß“ wie es auf hessisch heißt. Davon gibt es ein Original und zu dem gehören traditionell die sieben Kräuter Borretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer und Schnittlauch. Die Saison beginnt je nach Witterung um den Gründonnerstag herum und dauert bis zum ersten Frost im Herbst. Am besten sind die Kräuter sicherlich jetzt im späten Frühling und frühen Sommer. Ich erlaube mir die Variation mit all dem Grünzeug, das in meinem Garten in der Kräuterspirale und als sogenannte Unkräuter am Rand der kultivierten Flächen gedeihen. Köstlich!

Meine Kräuterspirale wird wirklich jedes Jahr üppiger. Inzwischen kann ich wählen oder kulinarisch munter drauf los kombinieren mit Zitronenmelisse (besonders gut im Couscoussalat), Salbei (Nudeln mit Salbeibutter und Parmesan), Schnittlauch, Rosmarin, Estragon, Blutampfer, Orangenthymian, Goldorgeano, Rauke und Pfefferminze (herrlich kühlend als Tee an heißen Tagen).

Und damit habe ich schon einige meiner durchaus vielfältigen Leibspeisen kredenzt (ein vom Aussterben bedrohtes Wort?). Da ich gerade Hunger habe läuft mir auch schon das Wasser im Munde zusammen und gleich nachher werde ich mal sammeln gehen. Dann kommt aus unseren neuen Stelzenbeeten auch der Dill dazu und natürlich Schnittsalat und üppiger Rucola.stelzenbeetdillstelzenbeete-768x1024

Selbst die eher als Blütenstauden angesehenen Frauenmantelblätter oder Moschusmalvenblüten passen dazu – und der leider wild wuchernde Giersch sowieso. Denn bei der Leibspeise „Grie Soß“ will ich es ja hier nicht belassen – wäre doch etwas einseitig. Liegt es an der Jahreszeit oder ist es wirklich so, dass mein Leibspeisen-Ranking ausgerechnet von all den Leckereien angeführt wird, die nur wenige Monate oder gar Wochen im Jahr verfügbar sind?

frauenmantel-768x1024

Jedenfalls füllt sich die Liste schnell: Rharbarber, Spargel, alle Beeren von Erd- über Him- und Brom- zu Heidelbeeren. Apropos Beeren – nein: Bären. Der Kleine Tiger von Janosch zeigt uns, wie flexibel wir mit unseren Leibspeisen umgehen könnten. Im Gespräch mit dem Bären, der ihn trösten will, nennt der Kleine Tiger als Leibspeise Springforelle mit Mandelkernsauce, Kartöffelchen und Semmelbrösel. Uff, klingt anspruchsvoll. Sooo schön zu lesen, wie er sich im Austausch mit dem Bären dann auf  Boullion mit Mohrrüben, Kartoffeln und Petersilie aus dem Garten „herunterhandeln“ lässt und schwelgend genießt. Da können wir alle was von lernen: sind es nicht gerade die einfachen Dinge, aus der Nähe geholt und mit Liebe gekocht und, die uns am besten tun?

Manche behaupten ja inzwischen, deshalb sei regional das neue Bio. Da halte ich immer überzeugt dagegen: regional + bio, das ist die neue Ess-Klasse. Wie entscheidet ihr euch da jeden Tag beim Einkaufen? Und was könnt ihr vielleicht vom Balkon, aus dem Garten oder von nahezu unberührten Wiesen zum Essen pflücken?

Share on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someoneShare on Facebook