Milchkrise – ich kann das Wort nicht mehr hören. Wie passt das zusammen: ein wertvolles Lebensmittel und die Krise? Wenn ich da als Ziege mal meine Meinung zu sagen darf … – aber ich lasse mich sowieso nicht stoppen, denn dazu ist mir das Thema viel zu wichtig.
Ich habe verstanden: Die konventionelle Milcherzeugung befindet sich in einer schweren Krise. Aktuell bekommen konventionelle Landwirte knapp über 20 Cent für einen Liter Milch. Ursache ist demnach ein erheblicher Milchüberschuss. Der ist entstanden, weil die EU die Milchmengenregelung – im Volksmund Milchquote – gekippt hat. Naja, eigentlich ist sie entstanden weil in den Riesenställen der Agrarindustrie Milchmaschinen stehen – landläufig als Kühe bezeichnet – in die oben eiweißhaltiges Futter sogar aus Übersee reingestopft wird (wo für den Sojaanbau sogar Regenwald gerodet wird), damit unten immer mehr Milch rauskommt. Aber schon als es die Milchquote noch gab, waren die Preise, die konventionell wirtschaftende Landwirte für ihre Milch bekommen haben, kaum kostendeckend. Trotzdem haben die Bauern weiter gemacht, alternativlos nennt die Politik ein solches Verhalten. Jetzt versuchen die Landwirte ihre Not durch Mehrproduktion auszugleichen, damit Rationalisierungseffekte und Kostendegression zu Buche schlagen. Die Folge: noch mehr Milch auf dem Markt und weiter sinkende Milchpreise. Ein echter Teufelskreis. Und natürlich rein marktwirtschaftlich gedacht, überhaupt nicht nachhaltig im Sinne einer echten Agrarkultur.

Apropos Kultur: Plötzlich ist sie in aller Munde: die Kulturlandschaft. Und warum? Nicht etwa, weil Menschen mit offenem Mund staunend-freudig und bewundernd uns Ziegen hier in der Zickenzone über sattgrün-bunte Wiesen ziehen sehen, sondern wegen der Milchkrise. Schlaue Politiker und Verbandsfunktionäre argumentieren nämlich nun plötzlich mit Weiden, grasendem Milchvieh und der Zusatzleistung der Landwirtschaft für die Landschaft. Die erfreut das Auge – und das nährt die Seele des Betrachters. Wann habt ihr zuletzt mal eine Kuhherde über die Weide ziehen sehen? Das Thema Kulturlandschaft ist eigentlich ein überraschender Nebeneffekt dieser für viele Landwirte so existentiellen Krise, denkt sich mein Ziegenhirn. Aber richtig schön, wenn Menschen sich dadurch bewusst machen, was Agrarkultur alles kann. Kultur (cultura im Lateinischen) bezeichnete ja ursprünglich den Ackerbau, die Bearbeitung des Bodens. Erst mit der cultura und der Zähmung der wilden Rinder und ihre Entwicklung zur Milchkuh des Menschen war unsere menschliche Entwicklung auf dem Weg, den wir jetzt so schnöde mit Füssen treten. Wie weit sind wir heute von einer wirklichen Agrarkultur entfernt? Mancher Orts herrscht eher Agrarindustrie – mit Riesenställen, Technik ohne Ende, Tieren als Produktionsmitteln – und als Folge dann eine unwürdige Preisdrückerei, die dem Landwirt das Überleben schwer macht und Lebensmittel zum Verramschen in Kühlregale stellt. Oh, ich rege mich wirklich gerade auf – dabei wollte ich doch meine eigene Agrarkultur betreiben.

ziegenmühle

Wie das geht? Ich als Ober-Ziege ziehe in netter Gesellschaft meiner Ziegenherde über unser Grünland hier vor dem großen Offenfrontstall aus dicken Holzstämmen und nein, es geht nicht allein um das Sattwerden, sondern um die Verwandlung unserer Landschaft in eine Kulturlandschaft. Wären meine Freundinnen und ich nicht unterwegs von Halm zu Blüte, von Strauch zu Astwerk, dann würde in diesem schönen Tal längst nur Wald zu sehen sein. Oder alles voller Disteln und Ampfer sein, denn deren Blütenstände knipsen wir mit unserem Ziegenmaul ganz gezielt von den Stängeln, um unsere Futterration aufzuwerten – und die Verbreitung dieser nicht ganz so erwünschten Beikräuter sozusagen en passant einzudämmen. Ja, wir Ziegen führen einen erfolgreichen Kampf gegen Verbuschung und Unkrautwucherungen, lassen uns selbst von dornigen Bollwerken nicht schrecken und stürzen uns auf Weißdorn, Brombeergewirr und Himbeerzweige. Also ist nicht allein der Mensch ein Kulturschaffender, sondern gerade auch wir als so genannte Nutztiere. Ohne uns gäbe es „nur“ Natur, und die wäre in Mitteleuropa vor allem Wald. Der ist ja auch ganz schön, finde ich. Vor allem wenn ich zarte Tannenzweige nasche oder Buchenblätter, Birkenrinde und ähnliche Leckereien. Aber als ausschließliches Bild in der Landschaft dann doch etwas monoton, oder wie seht ihr das?

Klar; dass wir bei diesem Ziegenleben ohne Sojaschrot im Futtertrog keine Rekordmengen an Milch produzieren – und das ist auch gut so. Bei uns Ziegen kann es ja kaum eine Überproduktion geben, denn die Natur hat uns „saisonal brünstig“ eingerichtet, anders als die großen Wiederkäuer-Schwestern Kühe. Das bedeutet, wir Ziegen bekommen – wenn wir im Einklang mit der Natur ohne menschliche Manipulationen leben dürfen – alle im frühen Frühjahr unsere Zicklein und haben dann bis in den Herbst hinein Milch. Danach ist Schluss mit melken oder nuckeln – Winterpause. Wir haben also eine vernünftige Lösung gegen Überproduktion eingebaut bekommen. Für die Milchkühe, die durch züchterische Maßnahmen zu Hochleistungsmaschinen gemacht wurden, wird nun eine menschengemachte Drosselung der Milchleistung gefordert.

Wir als Bio-Tiere kennen die Lösung: tiergerechte Fütterung, wesensgemäßes Leben, Qualität statt Quantität. Dafür kann jetzt die Politik mal Segel setzen und entsprechende Rahmenbedingungen gestalten. Das bedeutet: kein (gentechnisch verändertes) Kraftfutter aus Übersee, überwiegend Futter vom eigenen Hof, nur so viel Tiere auf dem Betrieb wie das Land auch ernähren kann, dazu natürlich Auslauf und Weidegang in der Herde.

Ich werde euch jetzt nicht davon vorschwärmen, dass wir in der Zickenzone ja genau so leben dürfen. Wer Bio-Höfe besucht – gerade jetzt im Sommer gibt es da ja viele Hoffeste – wird hautnah mitbekommen, wie es den Milchkühen dort geht. Weil Bio-Bauern ihre Tiere artgerecht füttern, geben die eine qualitativ hochwertige Milch, aus der dann auch leckere Käse- oder die vielen Joghurt-Variationen entstehen können.  Dafür bekommen die Landwirte von den Bio-Molkereien auch einen deutlich besseren Auszahlungspreis als ihre konventionellen Kollegen, die jetzt so verzweifelt in der Krise stecken. Manche (nämlich die Demeter-Betriebe) sogar bis knapp unter 50 Cent für den Liter ihrer biodynamischen Milch. Und, oh Wunder, der Preis ist immer noch stabil.

Allerdings befindet sich der Bio-Markt in einem Dilemma. Einerseits wünschen sich alle mehr Bio-Bauern in Deutschland, andererseits entsteht durch solche Umsteller eine Mehrproduktion auch an ökologischer Milch, die ebenfalls zum Preisverfall führen könnte, wenn die Verbraucher nicht gezielt nach fair bezahlter, regionaler Bio-Milch fragen.

Bei meinem Thema Agrarkultur angeknüpft und noch einen Schritt weiter gedacht entscheidet ihr also bei jedem Einkauf im Biomarkt mit darüber, welche Agrarkultur wir vorfinden, wenn wir von A nach B fahren oder laufen. Und seien wir mal ehrlich: wenn der Milchpreis auf geradezu unvorstellbare 2 Euro pro Flasche ansteigen würde, müsste Otilie Normalverbraucherin gerade mal rund 25 Euro pro Jahr mehr ausgeben als bisher. Statistiken gehen nämlich davon aus, dass der Durchschnittsdeutsche gut 50 Liter Milch pro Jahr verbraucht. Richtig gute Bio-Milch kostet heute ja zwischen 1,20 und 1,50 Euro. Würde aufgestockt auf zwei Euro,  könnte der Öko-Bauer weiter nachhaltig wirtschaften und seine Kühe über die Weiden ziehen lassen. Ist dieses schöne Bild – und das gute Kuhleben – euch Nicht-Veganern das wert? Für mich als Ziege stellt sich diese Frage nicht – den Milchpreis, den meine Chefin hier auf unserem Hof nimmt, verrate ich euch lieber gar nicht. Die Chefin meint übrigens, jetzt hätte ich genug gemeckert und sollte mich mal wieder ganz den Distelblüten widmen. Da will ich doch ausnahmsweise mal ganz bereitwillig auf sie hören.

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