Schmetterlinge 010
Darf die das? frage ich mich und die anderen Zicken hier in der Zone.  
Die – damit meine ich Elisa. Und das – damit meine ich die Ordnung stören. Ja, hier bei uns herrscht Ordnung. Schließlich bin ich hier das gehörnte, vierbeinige Oberhaupt. Deshalb meine klare Ansage: Nein, die Ordnung wird nicht einfach durcheinander gebracht. Das junge Ding hat das offenbar nicht verstanden. Gerade Mal ein knappes Jahr alt und schon aus der Reihe scheren – das geht gar nicht. Es gibt eine Reihe, eine feste Ordnung. Ich als Zicken-Chefin bestimme, wann wir losgehen. Das musste ich Elena heute Morgen erklären. Ein strenger Blick, energisch gesenkte Hörner, gespannte Körperhaltung und prompt hat sie sich weiter hinten eingereiht. War es nur der jugendliche Übermut oder schon Provokation? Das werden die nächsten Tage zeigen, wenn sie entweder wieder Vorstöße macht oder aber gelassen in der Reihe bleibt.

Um es klar zu stellen: Dieses gemeinsame, von der Chefin initiierte Losgehen ist keine zwanghafte Marotte von mir. Es macht Sinn in unserer Zickenwelt. Ich habe hier die meisten Kompetenzen, viel Lebenserfahrung, kann Situationen gut einschätzen, adäquat reagieren und darf deshalb diesen Dienst an der Herde leisten. Ordnung ist also kein Selbstzweck, sondern kann lebensrettend sein. Manchmal versteht das noch nicht einmal die Chefin auf zwei Beinen. Da fordere ich dann die Ordnung ein, wenn sie zum Beispiel die Mittagsfütterung wegen irgendwelcher ominöser Telefonkonferenzen in virtuellen Räumen um mehr als 30 Minuten nach hinten schiebt. Dann formiere ich meine Mädels und wir randalieren ein bisschen am Zaun. Wirkt meistens, denn Zauntests dieser Art alarmieren die Chefin wirklich – schließlich hat sie schon manchen Pfosten fallen sehen. Und für uns ist das regelmäßige Nachlegen von duftenden Heubergen in den Raufen wichtig, schließlich brauchen wir Nachschub für unser sensibles Wiederkäuer-Magen-Darm-System, das ebenfalls nach einem fein geordneten Rhythmus funktioniert. Und wenn wir schon bei Ordnung sind: das Heu gehört in die Raufe und nicht daneben, wie dieser noch lernfähige Praktikant es letzte Woche falscher Weise gehandhabt hat. Wenn erst mal ein paar Ziegenklauen da durch spaziert sind und die eine oder der andere aus der Zickenzone seine Knöttel darauf abgesetzt hat geht das wertvolle Futter verloren. Niemand von uns würde so etwas noch futtern. Also wiederhole ich mich gern: Ordnung macht Sinn. Dazu haben die Menschen wohl ein uraltes Sprichwort: Ordnung ist das halbe Leben. Von wegen das halbe ….

Aber Menschen sehen Ordnungsprinzipien offenbar durchaus unterschiedlich. Hab ich mit meinen langen Ziegenohren letztens mal wieder ganz unauffällig „erlauscht“. Da hat nämlich die Chefin mit einer Freundin drüber geplaudert hat. Es ging um unterschiedliche Ordnungsansprüche – Ihr glaubt es nicht – beim Geschirrstapeln. Jedenfalls will die Chefin, die eine Geschirrspülmaschine verweigert (so wenig Technik wie möglich, soviel wie nötig ist ihr Credo), dass benutzte Teller, Schüsseln, Becher, Bestecke ordentlich auf der Spüle aufgebaut werden. Dann hält sie es auch locker mal aus, wenn die da zwei Tage stehen bleiben. Ihr männlicher Mitbewohner dagegen hat das Prinzip nicht verinnerlicht und mixt Teller, Tassen, Schalen munter durcheinander, unordentlich, chaotisch….sagt sie, und er rollt die Augen. Menschen haben Sorgen.
clematis

Da geht mein Ziegen-Ordnungsprinzip doch deutlich tiefer. Es sichert unser harmonisches Rudelleben. Damit verbindet es mich und meine Zicken mit den Ordnungsprinzipien der Natur. Die gibt es, wir fühlen uns denen täglich verbunden, ganz natürlich. Sie begegnen uns auf vielfältige Art. Menschen müssen dafür vielleicht erst mal so etwas wie einen offenen Blick entwickeln. Die Ordnungsprinzipien der Natur sind gekennzeichnet von Harmonie. Sie drückt sich häufig – wahrscheinlich sogar immer – in nahezu perfekter Symmetrie aus. Habt ihr das schon mal erlebt: Ohne es euch über den Verstand bewusst zu machen berühren euch die Seitengleichheit des Schmetterlings, die klare Anordnung von Blütenblättern, die Prismen eines Kristalls tief in der Seele – oder etwa nicht? Diese „ordentlichen“ Gestaltungen  beeinflussen das Bild des Ganzen –  mehr noch, sie formen es. Rudolf Steiner, der geniale Impulsgeber für Waldorfpädagogik, anthroposophische Medizin und biodynamische Landwirtschaft (so hab ich ihn sozusagen kennengelernt als Oberziege auf einem Demeter-Hof), sah in der Ordnung der Natur die Offenbarung geistiger Gestaltungskräfte. Der Philosoph Kant (nicht wundern, auch Ziegen haben Zugang zur Philosophie) ging noch einen Schritt weiter und drückte es so aus: „Ordnung und Regelmäßigkeit an dem, was wir Natur nennen, bringen wir selbst hinein.“ Mit wir meinte er natürlich Menschen, aber auch wir Ziegen bringen doch was hinein in die Natur …

Und das tun Menschen und Ziegen, wenn sie Systeme ordnen, seien es nun die in der Zickenzone, im eigenen Haushalt, im beruflichen Kontext, im menschlichen Miteinander. Bis wir da die von großen spirituellen und philosophischen Denkern angesprochene „universelle Ordnung“ erreichen dauert natürlich. Vielleicht helfen dabei einige allgemeingültige Ordnungsprinzipien wie „Es ist genug für uns alle da“  oder „Geben und Nehmen machen die Balance“. Mal sehen, ob die mir ausgerechnet dann einfallen, wenn Elena morgen früh wieder vorpreschen will. Schließlich bin ich nicht immer und überall im Zicken-Philosophie-Modus ….

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