Schön. Einfach nur schön. Ich, die Oberziege Emely, liege hier in der Zickenzone auf dem Hochebenen-Podest im Offenstall, kaue entspannt wieder und lasse meinen Blick schweifen. Wiesen, Äcker, Gärten, Hecken, Sträucher und Bäume am Rande des mäandernden kleinen Bachs, ein überschaubarer Wald auf dem Hügel. Alles sprießt, vieles blüht. Natur pur denken jetzt viele und schwärmen mit leuchtenden Augen. FALSCH. Gar nicht Natur pur. Kultur pur! Wäre es wirklich Natur pur, hätten sich die schnell wachsenden Fichten und Birken die Wiese längt zurückerobert, wären die Hecken unter Brombeergestrüpp stranguliert.

Darf ich euch darauf hinweisen: Das, was hier stattfindet, und was ihr rund um euch herum seht ist Agrarkultur. So zumindest wurde das Urbarmachen von wilden Flächen ursprünglich bezeichnet – nicht als Landwirtschaft, wo die zweite Hälfte des Wortes WIRTSCHAFT derart dominiert, dass vom Land gar nicht mehr viel übrig bleibt. Lassen wir kurzerhand mal die zweite Silbe weg landen wir ohnehin in der Landschaft. Genau um die geht es. Nicht als sich selbst überlassenes Element, sondern als menschengemachte Nahrung für die Sinne, schließlich heißt es nicht ohne Grund „Daran kann ich mich sattsehen“. Halt, nicht nur menschengemacht, auch ziegengemacht ist das was um uns herum lebt. Würde ich mit meiner Herde hier nicht so wunderbar selektiv knabbern, wäre die ganze Vielfalt längst verloren. Also, woran könnt ihr euch wirklich satt sehen? An blühenden Wiesen, unterschiedlichen Äckern, abwechslungsreichen Hecken oder an kilometerweit Raps oder Mais? Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, dass nur in den sorgsam von Menschenhand – in Verbund mit den passenden Tieren – gestalteten Landschaften all das bestens gedeiht, was dann einmal bei euch im Einkaufskorb und auf den Tisch landet? Wer meine Milch trinkt oder den Käse aus der Zickenzone isst, der schmeckt die Kräuter auf der Wiese, die Rinde die wir verbotener Maßen von den Bäumen geschält haben, vielleicht auch die fröhlichen Hopser über den Bach, die wagemutigen Manöver um hinter den Zaun zu gelangen und Laub im Wald zu „ernten“ – Landschaft schmeckt, sagt die bekannte Köchin Sarah Wiener und die muss es ja wissen, oder?

Demeter, der Öko-Verband mit Tradition seit über 90 Jahren und den geistigen Impulsen von Rudolf Steiner, erklärt das ganz genau. Wenn biodynamische Bäuer*innen der Natur den Hof machen, entwickeln sie ihren Betrieb im Einklang mit der Umwelt ganz individuell und standortgerecht. Damit gehen von diesen Bauernhöfen Impulse für Wirtschaft, Kultur und Naturschutz aus. Weil Demeter-Bäuer*innen ganz „en passant“ auch noch Hecken pflanzen, Biotope für kleine und große Lebewesen schützen, biodynamische gezüchtete Gemüse- und Getreidesorten säen und Tiere auf die Weide führen bringen sie Vielfalt in die Landschaft. So gestalten sie – nicht zuletzt mit meiner Hilfe und mit Hilfe der anderen Ziegen hier in der Zickenzone – unsere Kulturlandschaft. Das ist die wahre Evolution – klingt vielleicht etwas großspurig aus meinem Zickenmaul, aber die Chefin hat es genauso schon häufig gesagt wenn Besucher*innen hier mal wieder die schöne Natur bewundern wollten. Denen steht dann der Mund auf und ihr Respekt steigt vor Agrarkultur, die sich der Vielfalt widmet, das Lebendige fördert, Verantwortung übernimmt für eine enkelfähige Agrarkultur. Sie verstehen: wie wir Landwirtschaft betreiben entscheidet darüber, in welcher Landschaft wir leben.

Jetzt konnte ich mal ganz zufällig belauschen, was eine Besucherin dazu ergänzt hat. Sie lebt in der Stadt – was immer das ist, da war ich nämlich noch nie, scheint zickenfreie Zone zu sein. Jedenfalls gibt es da offenbar inzwischen immer mehr Menschen, die ihr Umfeld zwischen Straßen und Häusern, auf Dächern und Balkonen neu gestalten. Sie stellen einfach Kisten auf und pflanzen da Gemüse rein, säen Blumen auf Verkehrsinseln und bieten Bienen damit Nahrung. Klingt gut – auch nach Kulturleistung, finde ich jedenfalls. Da ist Kultur in der Stadt also nicht mehr nur auf Kino und Konzerte beschränkt (von denen schwätzt die Chefin nämlich auch manchmal). Urban gardening soll das Ganze heißen – klingt exotisch, begeistert aber offenbar immer mehr Zweibeiner. Mir soll´s recht sein, denn die genießen die Lebensmittel aus dieser Form der Agrarkultur dann noch viel mehr. Also, hört auf mich, die Oberziege Emely in der Zickenzone und lasst es euch in diesem Sinne gut schmecken: beim Sattsehen auf dem Spaziergang in harmonisch gestalteten Landschaften und beim Essen in froher Runde gleichermaßen. Ich muss jetzt auch mal los, mich durch die Kräuter auf der Wiese futtern.

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