Sind wir nicht alle ein bisschen bio? Inzwischen ist es fast schon eine Selbstverständlichkeit, leckeres Bio-Gemüse und -Obst, ökologisches Dinkelmehl, handwerklich gekonnt gebackenes Brot und all die vegetarischen und veganen Spezialitäten zu kaufen. Und das ist auch gut so! Bei mir fing das Experimentieren mit den Öko-Sachen im letzten Jahrtausend an, und da am Ende der 1970ziger Jahre – oh mein Gott, es wird hier richtig nostalgisch und ganz persönlich. Schwangerschaften und Geburten meiner beiden Töchter waren die Anlässe, die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung die inhaltliche Motivation. Das erleben viele Neu-Kund*innen in den Naturkostfachgeschäften, Biosupermärkten und Hofläden heute sicherlich ganz ähnlich.

Wann war mir „nur“ Bio dann nicht mehr genug? Ich weiß das Datum wirklich nicht exakt, zumal es ein Prozess war, die unterschiedlichen Qualitäten zu erleben und zu erschmecken. Wichtig waren auf jeden Fall die unmittelbaren Begegnungen mit den Akteuren des ökologischen Landbaus und der Bio-Lebensmittelwirtschaft. Klar, Demeter sind die Pioniere, die seit fast 100 Jahren schon die nachhaltigste Agrarkultur betreiben.

Aber Demeter sind eben nicht nur die Pioniere von gestern, sondern zugleich auch die Avantgardisten, die Querdenker, die Tiefgründigen, Nachdenklichen und Zupackenden von heute, die für das enkelfähige Morgen arbeiten. Deshalb haben wir Genießer heute die Wahl zwischen aromatischen Möhren, die klangvolle Namen tragen wie Rodelika oder Milan und über Jahre hinweg als fruchtbare Sorten im Einklang mit der Natur gezüchtet wurden. Oder wissen meine so häufig hier schon gefeierte Pastinake Aromata zu schätzen. Diese Sorten sind die wirklichen Alternativen zu geschmacklosen Hybridmöhren und Co., die von Konzernen unter Laborbedingungen entwickelt werden. Und zwar so, dass der Bauer kein eigenes Saatgut für das nächste Jahr mehr daraus gewinnen kann, sondern immer nachkaufen muss. Bei biodynamischer Züchtung kommen also der politisch-kulturelle Ansatz (Saatgut in Bauernhand statt bei den Agro-Multis)  und der Genuss (Gemüse das Aroma hat und gut bekommt) aufs Beste zusammen. Und für mich verbinden sich die Erfahrungen als Konsumentin mit denen als Journalistin: Wie Dietrich Bauer, der engagierte Gemüsezüchter auf dem Dottenfelderhof  in Bad Vilbel, mich ansteckte mit seiner Freude an der Möhrenblüte und ich diese Einblicke in die Entwicklung einer für Öko-Landbau optimal geeigneten Möhrensorte schreibend mit vielen teilen konnte. Wie ich im Bioladen meines Wohnortes beharrlich nach Milan und Rodelika fragte. Wie meine Freunde um unseren Esstisch saßen und plötzlich Kindheitserinnerungen an Möhren aus Omas Garten austauschten – nur weil der Karottensalat wirklich ccharakteristischen Geschmack hatte.

Als sich mein Traum erfüllte und Ziegen bei uns einzogen, kam ein weiterer Mosaikstein an biodynamischen Demeter-Erfahrungen hinzu. Ach was, nicht nur ein Steinchen, sondern eine ganze Palette an schillernden Mosaik-Bestandteilen.  Wie meine Demeter-Kolleg*innen auf den Höfen mit ihren Tieren umgehen, beeindruckt mich immer wieder. Hier ist der Respekt vor dem Lebewesen kein Lippenbekenntnis. Es kommt bei der Tierhaltung eben doch vor allem auf die Haltung an – nämlich auf die des Menschen. Dann werden die Ställe eben den Tieren angepasst und nicht umgekehrt. Deshalb bleiben die Hörner dran – bei den Rindern genauso wie bei den Ziegen. Futter vom eigenen Hof, Auslauf, frische Luft, persönliche Zuwendung – das lässt sich doch nicht in Tierwohl-Label pressen, sondern am besten miterleben beim Besuch auf dem Demeter-Bauernhof. Was dort sofort auffällt: Tiere stehen im Mittelpunkt. Das gehört zur Biodynamischen Wirtschaftsweise zentral dazu. Nur mit den Tieren und ihrem Mist, der zu wertvollem Dünger veredelt wird, ist der Hoforganismus wirklich rund – und kann die Bodenfruchtbarkeit nachhaltig gefördert werden. Und jetzt setzen die Charakterköpfe der Demeter-Markengemeinschaft wieder die richtigen Signale: durch Impulse für eine ökologische Tierzucht, gemeinsam mit den Kolleg*innen von Bioland. Das Zweinutzungshuhn macht da den Auftakt – ist ja auch am drängendsten, um dem ethisch einfach völlig inakzeptablen Töten der männlichen Küken aus der Legehennenbrüterei endlich den Riegel vorzuschieben. Die gezielte Zucht hörnertragender Rinderrassen muss folgen, sonst gibt es bald nur noch genetisch hornlos selektierte Kühe. Beeindruckend, wenn die Biodynamiker offen und transparent ihre Hausaufgaben benennen und klarstellen, dass auf dem Weg zu ihren Idealen noch manche Herausforderung zu stemmen ist.

Was bei mir letztlich den Ausschlag gab, den kleinen Nebenerwerbs-Ziegenbetrieb (ja, genau – damit ist Emelys Zickenzone gemeint) Demeter-zertifizieren zu lassen war jedoch das wirklich einmalige Leitbild zur Lebensmittelverarbeitung. Darin kommt das Verständnis der Demeter-Partner zum Ausdruck, richtig gute Lebensmittel zu schaffen. Also nicht nur in der Erzeugung von Rohstoffen Maßstäbe zu setzen, sondern auch für den nächsten Schritt in der Wertschöpfungskette, bei der Herstellung bekömmlichen und schmackhaften Essens Dafür reichen ja meist Zeit, Liebe zum Tun, handwerkliches Können und nur das an Zusatzstoffen, was unbedingt nötig ist. Also für den Ziegenkäse Säuerungskulturen und Lab, aber keine Geschmacksverstärker oder Konservierungsstoffe. Oder bei der Wurst kein Nitritpökelsalz. Und bei der Milch ausschließlich die Pasteurisierung und keine Homogenisierung. Beim Fruchtjoghurt keine angeblich natürlichen Aromen, sondern die Extrakte der Pflanze. Diese sorgsame Überlegung, was den höchsten Qualitätsansprüchen wirklich gerecht wird, hat mich schon vor über 20 Jahren beeindruckt – und überzeugt mich noch heute, wenn ich Demeter-Lebensmittel genieße, den Erzeugern und Herstellern begegne und die Geschichten zum Produkt schreiben kann.

Was ist eigentlich euer Demeter-Lieblingsprodukt? Der Honig vom Imker um die Ecke, die Gemüsesorten, das kräftige Brot, die feinen Säfte, originell komponierte Müslis, edler Wein, pflegende Kosmetik, natürliche Düfte für Körper oder den Wohnraum, die Babynahrung oder doch der Ziegenkäse direkt vom Hof?

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