Wir befinden uns mitten in einem evolutionären Prozess. Gut, ihr werdet vielleicht Achsel zuckend denken, ist das nicht permanent so? Was soll an dieser Information von dieser oberschlauen Oberziege Emely denn neu sein? Aber ich greife hier und jetzt einen evolutionären Prozess auf, der wohl den wenigsten schon bewusst sein dürfte. Ich spreche von Nahrungskonkurrenz! Okay, okay, auch das gibt es bereits. Stimmt! Löwen konkurrieren mit Geiern und Hyänen am erbeuteten Stück Fleisch. Das war schon immer so, ist auch heute so – dort, wo es noch Löwen, Geier, Hyänen und Beute gibt. Übrigens stammt der Begriff Nahrungskonkurrenz aus der Biologie und wird im Zusammenhang mit der Evolution verwendet. Gemeint ist dann der „Wettbewerb zwischen Individuen einer oder mehrerer, in ihren Fressgewohnheiten identischen Arten, zum Erlangen von Nahrung.“ (so heißt es auf wikipedia) Bisher hatte ich die Chefin und andere Menschen nicht als Nahrungskonkurrenz erlebt. Aber jetzt tobt hier der Wettbewerb zwischen Individuen mit identischen Fressgewohnheiten, zwischen Chefin und mir, zwischen Menschen und uns Ziegen in der Zickenzone.

Das feingliedrige Labkraut

Es geht ans Eingemachte, an das Existentielle. Menschen streifen suchend über Wiesen, kauern an Feldrändern, wühlen zwischen Stauden und Sträuchern. Sie sind auf der Suche nach Wildkräutern für ihre Smoothies, Gemüsepfannen und Salate. Früher nannten sie diese neu entdeckten Leckereien Unkraut und erklärten dem wuchernden Grün den Kampf – nicht zuletzt mit Chemie wie dem allgegenwärtigen, widerwärtigen, bis in die Muttermilch vorgedrungenem Glyphosat.

Manche Genießer erinnert die Ackerwicke an den Geschmack junger Erbsen

Heute geraten sie in Verzückung, wenn der Giersch seine feinen Blättchen spreizt, das zarte Labkraut zum Naschen lockt, die Ackerwicke in ihren Verzweigungen violett-blaue Blüten zeigt.

Giersch entfaltet seine ganze Kraft 

Ja, nicht allein die Chefin pflückt dann eifrig und wird zur Sammlerin. An unserem Zaun in nahezu unberührter Natur verweilen Spaziergängerinnen, um Brennesselsamen in kleine Döschen rieseln zu lassen oder zwischen dem Weidegras die Wilde Möhre zu feiern und für den Salat ein paar junge Blättchen zu erbeuten.

Von der Brennessel schmecken die zarten Blätter und selbst die winzigen Samen – zum Beispiel in gesalzener Butter

Der Gipfel war gestern die junge Frau, die eindeutig gehandicapt war. Trotz – oder vielleicht gerade wegen? – Krüken und Kniestütze reckte sie sich zum Bachrand, um den lange Jahre ignorierten Beinwell zu zupfen. Blätter und Blüten wanderten in ihren Rucksack. Hier kamen offenbar Kulinarik und Heilkunst zusammen. Wer „Spinat“ aus Beinwellblättern macht und mit den Blüten das Menü krönt, der tut seinen „Gebeinen“ (Knochen) was Gutes, heißt es in der Naturheilkunde. Gut, dass die humpelnde Wanderin offenbar nicht zu Ende gelesen hatte, denn sonst hätte sie auch noch die Wurzel ausgegraben und für einen schleimigen Umschlag um das wehe Knie zerhakt. So bleibt es offenbar beim Essgenuss aus der Natur. Möge er ihr gut tun – und all den anderen Wildkräuter-Liebhaberinnen ebenso.

Vom Beinwell lässt sich alles verwenden: Wurzel, Blatt, Blüte

Wir Ziegen hier in der Zickenzone sind großzügig. Wir geben gerne etwas ab von der Vielfalt auf unseren Wiesen – solange die Menschen nicht auch noch eines unserer letzten Alleinstellungsmerkmale kapern und selbst Distelblüten abzupfen. Von der Chefin ernte ich bei diesem selektiven Fressen sogar häufig ein Lächeln, denn mit der grausamen Blüten-Knabberei schwäche ich die Distel derart, dass sie auf unseren Weiden nicht so dominant wird. Auch das ist Evolution- à la Zickenzone, versteht sich. Und wenn die Wildkräuter-Sammlerei der evolutionär aktiven Menschen dazu beiträgt, dass die Nahrungskonkurrenz auf dem Sojafeld zwischen Rindermast und Tofu-Produktion nicht mehr derart exessiv betrieben wird, dass der Regenwald dabei auf der Strecke bleibt, sondern Veganer und Vegetarier*innen aller Völker davon weniger kaufen, stimmen wir Zicken mit dem berühmten Weitblick aus unseren typischen Augensamt eigenwilligen Pupillen diesem evolutionären Prozess gerne zu. In diesem Sinne: guten Appetit beim „Weiden“.

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