Bildung ist in Deutschland Ländersache – das macht es nicht einfacher, den richtigen Platz für das eigene Kind zu finden in einem dreigliedrigen Schulsystem, das an sich schon verbesserungswürdig ist.

Eigentlich habe ich die Zeitschrift Erziehungskunst („Waldorfpädagogik heute“) aufgeschlagen, um mich noch einmal einzulesen in das Konzept der Schulform, die auch meine Tochter besucht. Ich stoße aber beim Durchblättern auf eine kurze Besprechung des Dokumentarfilms „Ich. Du. Inklusion. Wenn Anspruch auf Wirklichkeit trifft“ und da auch meine Tochter von einer Schwerbehinderung betroffen ist, lässt mich dieser eine Satz nicht mehr los: „Nicht Matthis (Anm.: ein kleiner Junge, der vor Überforderung bei den Hausaufgaben weinen muss) ist behindert, sondern das deutsche Schulsystem.“ Ich fürchte, so ist es. Viele Eltern, auch ich gehöre dazu, ziehen sich auf Privat- und/oder Förderschulen zurück, weil der Staat sich einfach nicht in der Lage sieht, umzusetzen, was seine Vertreter versprochen haben: Eine Schule für alle.

Zwar hat jedes Kind (und zwar bereits seit 2009) nach Verabschiedung der UN-Behindertenrechtskonvention das Recht auf den Besuch einer allgemeinbildenden Schule, aber wenn sich völlig überlastete Sonderpädagoginnen im Schnitt zwei Stunden wöchentlich um ein Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf kümmern, dann ist das alles andere als Chancengleichheit. Immerhin, als meine Tochter eingeschult wurde, wollte das Schulamt noch per Gerichtsbeschluss erzwingen, dass sie die örtliche Förderschule für geistige Entwicklung besucht – das wäre heute so wohl nicht mehr denkbar. Meinen Traum von der inklusiven Beschulung habe ich trotzdem gegenüber der guten Betreuung an ihrer jetzigen Waldorfförderschule zurückgestellt. Bis heute hat mir niemand schlüssig erklären können, warum (wir leben in Hessen) es nicht möglich sein soll, die Förderschulen mit ihrer Infrastruktur für gesunde Kinder zu öffnen, anstatt die Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf Schulen zuzuweisen, die für sie nicht ausgerichtet sind. Die Frage nach der Integration von Kindern mit Behinderung ins allgemeine Schulsystem scheint mir eine zentrale, und das nicht nur, weil ich selbst betroffen bin; das Thema bestimmt schließlich ganz fundamental die Frage, welche Gesellschaft wir sein wollen. Vor diesem Hintergrund scheint es mir gar nicht mehr so entscheidend, welche Ausrichtung die gewählte Kindergarten- oder Schulform hat, zumal ich auch sowohl im katholischen Kindergarten meines Sohnes als auch auf der Waldorfschule meiner Tochter mehr Toleranz gegenüber anderen Konfessionen und anderen Ansichten erlebt habe, als ich erwartet hätte.

Die Reformpädagogik
Trotzdem gibt es da natürlich ein paar Unterschiede: Die Waldorfpädagogik legt viel Wert auf praktisches Arbeiten und Naturnähe, etwas, das mir im Prinzip sehr gut gefällt. Aber manchmal habe ich auch das Gefühl, dass Waldorfschulen sich dem technischen Bereich mehr verschließen als gut ist. Im bereits erwähnten Magazin zur „Waldorfpädagogik heute“ steht auch ein Artikel mit dem Titel „Was ist eine gute Klassenfahrt?“ Neben dem Aspekt des sozialen Lernens und Kriterien zur Auswahl des Schullandheims wird auch die Wichtigkeit des erlebnishaften Bezugs zur Natur betont, aber konträr zur technisierten Welt gestellt: „Bei Höhlenbegehungen, Kanufahrten oder Geländespielen wird der Erlebnishunger der Schüler gestillt. Zugleich werden sie gegen die künstlichen Abenteuer aus der Scheinwelt der Medien und Computerspiele immunisiert.“ Da frage ich mich schon, ist es wirklich nötig, Kinder gegen die eine Welt zu immunisieren? Lassen sich nicht auch beide Welten vereinen?

Diese strikte Trennung stört mich auch bei anderen Dingen: Bei einem meiner Besuche in der Schule meiner Tochter stürzte eine Lehrerin mit der Folge einer schmerzhaften Knieverletzung. Die Kollegin fragte, ob sie denn Arnikakügelchen dabei habe; so etwas passiert vermutlich nur in der Waldorfschule. Dafür erlebe ich dort aber ein liebevolles, engagiertes Arbeitsumfeld, in der Schule keineswegs eine selbstverständliche Angelegenheit. Auch die Montessorischulen legen Wert darauf, die Kinder in ihrer Eigenverantwortung zu stärken und ihnen Materialien an die Hand zu geben, die ihre Lernfreude erhalten. Dagegen sehe ich an der Regelgrundschule, die mein Sohn ab dem nächsten Schuljahr besuchen soll, etwas, das mir sehr deutsch vorkommt: Die Schule verfügt über eine spielerisch angelegte Vorklasse für Kinder, die noch nicht ganz schulreif sind, sicher eine gute Sache. Ab der ersten Klasse ginge es „dann aber richtig los“ mit dem konzentrierten Lernen, sagte man mir dort; es hörte sich an, als räume die Schule den Kindern noch eine Gnadenfrist ein, bevor sie dann mit spätestens sieben Jahren den Spaß an der Sache komplett vergessen sollen. Warum diese Trennung? Ist spielen nicht auch lernen? Ist etwas keine Arbeit mehr, wenn es Spaß macht? Mir erschließt sich diese Denkweise nicht. Ebensowenig wie unser dreigeteiltes Schulsystem zuzüglich Förderschulen, das im internationalen Vergleich ja nun auch eher mäßig erfolgreich ist. Warum die Waldorf- und Montessorischulen mit ihrem ganzheitlichen Ansatz nicht grundsätzlich auch Kinder mit Behinderung aufnehmen, bleibt mir ebenfalls ein Rätsel, speziell in Bezug auf die Montessorischulen, deren Gründerin ihre Pädagogik an der Arbeit mit Kindern entwickelt hat, die eine Behinderung aufwiesen.

Ausgelagerte Therapien
Hinzu kommt noch die Unsitte, Kinder mit Lernstörungen auf externe Therapien zu verweisen, anstatt ihre Förderung in den Schulalltag zu integrieren, der inzwischen doch immer mehr in den Ganztag übergeht; eine Lerntherapie nach einem kompletten Schultag wird wohl kaum effektiv sein.

Josef Hanel, Vorsitzender im Verein für Schulpsychologie Detmold, hat dies in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Rundschau passend ausgedrückt: „Kinder mit großen Problemen im Lesen, Schreiben und Rechnen werden zu Legasthenikern und Dyskalkulikern erklärt, für die sich die Schule nicht mehr zuständig fühlt. Schule mache gute Pädagogik, aber sei für Therapie nicht zuständig, wird argumentiert. Das ist so, als wenn ein Schuhmacher sich bei einem Menschen mit Senk- und Spreizfuß weigern würde, einen Schuh zu fertigen.“

Merkwürdig ist doch, dass die Probleme scheinbar erst mit der Schule beginnen, während es in den Kitas meistens sehr gut gelingt, die unterschiedlichsten Kinder zu integrieren – sofern der Personalschlüssel stimmt. ( Nach meiner Erfahrung ist es für das Wohlbefinden der Kinder nicht wichtig, dass die Räume besonders schön sind oder die Kita über hochwertiges Spielzeug verfügt; wichtig ist, dass sie sowohl die Freiheit im Spiel als auch die Sicherheit erfahren, sich immer auf jemanden verlassen zu können. Eine Erzieherin sollte möglichst nicht allein für mehr als sieben Kinder zuständig sein.)

Das System ein wenig durchlässiger zu gestalten und die Schule den Kindern anzupassen anstatt ihnen das Gefühl zu geben, sie müssten sich an die Schule anpassen, würde mit Sicherheit den Übergang aus dem Kindergarten erleichtern und helfen, die Schule nicht als notwendiges Übel, sondern als Bereicherung im eigenen Leben zu betrachten.

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