Seid ihr bereit für samenfest? Nein, es ist kein Rechtschreibfehler weil mit kleinem „s“ geschrieben und nein, es fehlt auch nicht der Artikel „das“. Heute geht es um Qualität von Anfang an und deshalb lenke ich eure Aufmerksamkeit mit dem Wortspiel auf die kleinen Samenkörner, aus denen aromatisches und bekömmliches Gemüse wächst. Wo kommt das Saatgut her, mit dem die Bio-Gärtner*innen arbeiten? Und könnt auch ihr auf dem Balkon, im kleinen Stelzenbeet auf der Grünfläche in der Stadt oder im Garten samenfeste Sorten verwenden?

Dass Samen fest sind ist eigentlich klar, erst Wasser und Erde lässt sie aufbrechen. Aber samenfest wird in der ökologischen Pflanzenzüchtung als Begriff für fruchtbare Gemüse- und Getreidesorten verwendet. Sie unterscheiden sich von Sorten aus dem Labor der Konzerne, die ganz bewusst mit technischen Eingriffen unfruchtbar gemacht wurden. Fachleute nennen diese dann Hybridsorten. Sie bringen mehr Ertrag und wachsen einheitlicher im Beet oder auf dem Feld. Ihr Nachteil für Gärtner oder Bauern: Die Samen können nicht wieder ausgesät werden, um die nächste Pflanzengeneration wachsen zu lassen, weil in den Folge-Generationen dieser Hybriden Ertrag und Qualität sinken. Für die wenigen global agierenden Konzerne, die dieses Saatgut anbieten, bedeutet das natürlich Profit, denn jedes Jahr muss der Landwirt neues Saatgut kaufen. Gegen diese Abhängigkeit von den Multis, die auf Masse setzen, haben schon vor über 40 Jahren biodynamische Gärtner und Bauern ein Zeichen gesetzt. Sie begannen mit der Entwicklung eigener, fruchtbarer Sorten bei Gemüse und Getreide. Und Demeter war dann der erste Öko-Verband, der diese neuen Sorten zertifiziert – also kontrolliert und anerkannt – hat.  

Im Gemüsebereich schlossen sich Mitte der 1980er engagierte Praktiker zum Initiativkreis für Gemüsesaatgut aus biologisch-dynamischem Anbau zusammen. Daraus wurde 1994 der gemeinnützige Verein Kultursaat, der seitdem die Sortenentwicklung und –erhaltung bündelt und für die Neuentwicklungen verantwortlich ist. So bleiben die Sorten Kulturgut, das der Allgemeinheit zur Verfügung steht und nicht Unternehmen gehört. Inzwischen sind mehr als 70 Gemüsesorten als Kultursaat-Neuzüchtungen vom Bundessortenamt zugelassen. Und für ein weiteres gutes Dutzend Sorten ist Kultursaat als offizieller Erhaltungszüchter eingetragen. Über 80 gärtnerische und landwirtschaftliche Betriebe gehören zum Initiativkreis. Die Kultursaat-Projekte finden auf etwa30 Standorten im deutschsprachigen Raum statt. Neben den aufwändigen Züchtungsschritten – bis zur Zulassung einer neuen Sorte können schon mal zehn Jahre ins Land gehen – forschen einzelne Akteure auch an Wirkungen besonderer Pflegemaßnahmen auf das Saatgut. Ihre gemeinsame Ziele dabei: Vitalität, Aroma und Bekömmlichkeit. Und natürlich immer samenfest! Also können die Pflanzensamen geerntet und bei der nächsten Aussaat genutzt werden. Diese Züchtung läuft in der Natur, nicht im Labor. Untersuchungen zeigen, dass die biodynamisch gezüchteten Gemüsesorten höchste Reifequalität erreichen. Außerdem garantieren sie uns Geschmacksvielfalt durch regional angepasste Sorten-Vielfalt. Und den Pflanzen die Wahrung ihrer Integrität – also den Verzicht auf Manipulationen auf Gen-Ebene. Klar, dass die Öko-Sorten ganz darauf hin selektiert werden, ohne Chemie bestens zu wachsen. Dieses Talent vererben die fruchtbaren Pflanzen ihren Nachkommen.

 

Und was können wir Konsument*innen dafür tun, dass immer mehr samenfeste Sorten entwickelt werden? Beim Griff ins Gemüseregal zum Beispiel die rote Bete Robuschka oder die Pastinake Aromata wählen. Beim Saftkauf die Möhren Rodelika entdecken. Sauerkraut aus samenfesten Weißkohl kaufen. Beim eigenen Gärtnern die Öko-Sorten bevorzugen, die es jetzt passend zum Start in die Saison im Biomarkt gibt. Auf einen Demeter-Hof fahren und fruchtbare, nachbaufähige, offen abblühende Sorten in ihrem Wachstum beobachten und mit den Züchter*innen über ihre spannende und intensive Arbeit sprechen. Und – last but not least – wo immer möglich den Verantwortlichen in der Politik erklären, dass bessere Rahmenbedingungen nötig sind, damit die Ökopflanzenzüchtung aus der Nische kommen kann und zur Normalität wird. Dafür braucht es Geld, das Bekenntnis zu einer entsprechenden Züchtungsstrategie und die Anerkennung, dass Gemüse-, Getreide- und auch ökologische Tierzüchtung gesamt-gesellschaftliche Aufgaben sind. Na dann – feiern wir ein Samenfest.

 

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