Das Pflanzengift Glyphosat, inzwischen von der Weltgesundheitsorganisation als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft, darf innerhalb der Europäischen Union für weitere fünf Jahre eingesetzt werden. Risikobewertungen wurden für die Beurteilung aus den Gutachten übernommen, die Mitarbeiter des vertreibenden Konzerns verfassten.

Es gehört nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, aber für die Zeitung bin ich auch manchmal auf Karnevalsveranstaltungen unterwegs – und bisweilen hat das durchaus sein Gutes: Diesmal fiel auf einer der Veranstaltungen im scherzhaften Jahresrückblick der Satz „Glyphosat wird für weitere fünf Jahre erlaubt, ich wüßte gern, wieviel die in Brüssel von dem Zeug geschluckt haben.“ Und ich wüßte es auch gern – stammen doch die Gutachten, auf die sich die zugrundegelegte Unbedenklichkeitserklärung stützt, von dem Konzern, der das giftige Pflanzenschutzmittel im großen Stil vertreibt. Der zweite Skandal besteht darin, dass der CSU-Politiker Christian Schmidt in seiner Eigenschaft als kommissarischer Bundeslandwirtschaftsminister auf EU-Ebene für die Zulassungsverlängerung um fünf Jahre gestimmt und sich damit über Vereinbarungen mit dem Koalitionspartner SPD hinweggesetzt hat – das wäre doch mal ein handfester Grund für den Abbruch der Sondierungsgespräche gewesen, während bei Christian Lindner alle noch rätseln, was ihn zu diesem Schritt bewogen hat. Wohlwissend, dass Glyphosat überwiegend in der Landwirtschaft und auch bei städtischem Grün eingesetzt wird, schlägt Landwirtschaftsminister Christian Schmidt nun vor, das Gift nur für Hausgärten zu verbieten. Trotzdem: Ein nationales Verbot kann weiterhin erlassen werden, die Europa-Fraktion der Grünen bemüht sich derzeit um Einblick in die „Studien“, die zur Zulassung des Pflanzenschutzmittels durch die EU-Lebensmittelsicherheitsbehörde führten. Durch zwangsweise per gerichtlicher Anordnung offengelegten internen email-Verkehr bei Monsanto ist bereits jetzt bewiesen, dass vermeintlich unabhängige Wissenschaftler dafür gewonnen wurden, ihren Namen unter seitens des Konzerns bereits verfasste „Gutachten“ zu setzen. Unabhängige Studien stufen das Mittel als „wahrscheinlich krebserregend“ ein und nicht nur das, es bedroht als Totalherbizid auch die biologische Vielfalt, die durch immer weniger naturbelassene Flächen ohnehin schon bedroht ist. Hier könnte auch ein Verbot ansetzen, denn gemäß Pflanzenschutzverordnung könnte eine nachgewiesene Bedrohung der Biodiversität der Zulassung von Glyphosat entgegenstehen. In der konventionellen Landwirtschaft geht man aus Kostengründen eher großzügig mit gefährlichen Pflanzenschutzmitteln um: „Die Bauern beschränken den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auf das notwendige Maß, doch müssen sie unter mehreren Wirkstoffen auswählen können, um zielgerichtet Krankheiten und Schädlinge bekämpfen zu können“, teilte der Präsident des deutschen Bauernverbands unlängst in einer Pressemitteilung mit. Das „notwendige Maß“ bezeichnet dabei die Vernichtung aller Pflanzen außer der unmittelbaren Nutzpflanze und erhöht sich natürlich in dem Maße, wie die Resistenzen gegenüber des eingesetzten Giftes zunehmen; ähnlich dem Einsatz von Antibiotika.

„Das haben wir schon immer so gemacht“, musste sich meine Kollegin in ihrer Funktion als Vertreterin der Grünen bei einer Versammlung von Landwirten anhören. Ständiges Unkrautzupfen auf städtischen Flächen sei unzumutbar und überhaupt solle sie doch erst einmal beweisen, dass die Substanz tatsächlich gefährlich ist. Gleichzeitig wird Glyphosat im städtischen Einsatz munter in Grundwassernähe gesprüht und zumindest das ist auch jetzt schon verboten.

Uns sind nicht die Hände gebunden

Erst einmal macht all dies hauptsächlich wütend, aber Widerstand ist möglich; viele Kommunen verzichten bereits auf den Einsatz von Glyphosat und bemühen sich, die Landwirte vom Verzicht auf das Gift zu überzeugen. In meiner Heimatstadt hat das Stadtparlament gerade einen entsprechenden Antrag angenommen, in Saarbrücken beispielsweise ist die Verwendung von Glyphosat auf städtischen Flächen ebenfalls untersagt – ich bin regelmäßig dort und kann bestätigen, dass die Stadt bisher nicht im Unkraut versunken ist. Und indem wir so häufig wie möglich auf Lebensmittel aus ökologischem Anbau zurückgreifen – im Ökolandbau dürfen keine synthetischen Pflanzengifte eingesetzt werden – ,schützen wir uns nicht nur selbst vor der Aufnahme giftiger Stoffe, sondern leisten auch einen Beitrag zur Biodiversität, die für Mensch und Tier lebensnotwendig ist. Der einzige Sinn, Nutzpflanzen immer wieder mit Gift zu besprühen, um dann, wenn sie resistent geworden sind, gentechnisch veränderte neue Nutzpflanzen zu entwickeln, liegt darin, den Profit großer Konzerne zu mehren und ihre Vormachtstellung zu sichern; kein erstrebenswertes Ziel. Es bleibt zu hoffen und sich dafür einzusetzen, dass die neue Bundesregierung sich ein Beispiel an Frankreich nimmt, dort soll das Herbizid innerhalb von drei Jahren ganz verboten werden. Ob die Glyphosatbefürworter sich dort ein Haus bauen würden, wo in den USA tausende von Klagen wegen der signifikant angestiegenen Zahl von Krebserkrankungen anhängig sind? Oder im Ort Ituzaingó in Argentinien, wo der Konzern Monsanto die weltweit größte Verarbeitungsanlage für gentechnisch veränderte Saat bauen will und die Frauen des Ortes herausfanden, dass, umgeben von Feldern, auf denen das Pflanzengift Glyphosat unter dem Namen Roundup großzügig verteilt wird, doppelt so viele Menschen an Krebs erkranken wie im übrigen Land? Wohl eher nicht.

Wie geht es Euch mit solchen Gefahren? Machen Sie Euch Angst oder seid Ihr zuversichtlich im Blick auf die Zukunft?

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