Erben der einstigen Bio-Pioniere: Vater Stefan Voelkel und seine vier Söhne

Früher trugen Bio-Pioniere ihre Ideale noch als Einzelkämpfer in die Welt hinaus. Heute haben sich aus den Privatpersonen einige erfolgreiche Familienunternehmen entwickelt. Und mit ihnen ein florierender Wirtschaftszweig. Jurek Voelkel ist einer der Erben eines solchen Unternehmens. Seine Urgroßeltern – Margret und Karl Voelkel – legten den Grundstein für Voelkel Naturkostsäfte bereits 1920. Für den Bio-Blog habe ich mit ihm über das Aufwachsen in der Bio-Branche, gesellschaftliche Veränderungen und neue Herausforderungen gesprochen.

 

Rapunzel, dennree, Voelkel Naturkostsäfte – all diese Unternehmen haben eines gemein: sie haben sich aus der Bio-Motivation früherer Generationen zu erfolgreichen Familienbetrieben entwickelt. War Voelkel beispielsweise Anfang der 90er Jahre noch eine einfache zwei-Mann-Safterei, beschäftigt das Unternehmen heute um die 200 Mitarbeiter.

Jurek Voelkel ist einer der vier Brüder, die das Unternehmen bereits in dritter und vierter Generation fortführen. Der Marketing- und Verkaufsleiter ist 27 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder. Seine Karriere aber ist – im Vergleich zur Laufbahn seiner Großeltern – verhältnismäßig geregelt verlaufen. Zwar ist auch er mit der Leidenschaft für Bio im Herzen gestartet, doch hatte er zusätzlich die Möglichkeit, seinen kompletten Bildungsweg danach auszurichten.

Studiert habe ich BWL und Kunst an der Alanus Hochschule“, erzählt Jurek. „Eigentlich ist das eine Kunsthochschule, die aber eine Art neues BWL anbietet. Der Studiengang heißt ‚Wirtschaft neu denken‘. Dabei geht es darum, nicht nur Wirtschaftstheorien, sondern auch andere Sichtweisen zu lernen und seinen eigenen Standpunkt zu reflektieren. Der Mensch wird als soziales Wesen verstanden, das auch noch anderes im Sinn hat, als Nutzen zu maximieren.“ Während seines dualen Studiums hat er Erfahrungen bei Huober Brezel und Erdmann Hauser gesammelt. Für ihn bilden diese Betriebe „Paradebeispiele dafür, wie es ist, wenn eine Firma auch Sinnhaftes hinter seinem Unternehmen sieht.“

„Unsere Urgroßeltern waren noch die totalen Außenseiter“

Die Weltanschauung früherer Pioniere ist im deutschen Bildungssystem angekommen. Die Zeit der Einzelkämpfer scheint vorbei zu sein. Das sieht auch Jurek so. „Unsere Urgroßeltern waren ja noch die totalen Außenseiter“, blickt er zurück. „Sie waren ein Teil der Wandervögel Bewegung und haben sich mit Rudolf Steiners Schriften auseinandergesetzt. Damals war das ganze Dorf verwundert. Zu der Zeit war man eben noch der Öko“, lacht er. „Über die Generationen hinweg sind wir aber immer mehr ins Herz der Gesellschaft gerückt. Zwar auch erst richtig, seitdem Bio auch bei Aldi im Regal steht, aber wir sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“

 

Kindheit und Jugend im Familienunternehmen

In die Bio-Branche hineinzuwachsen war für Jurek deshalb völlig normal. Als Sonderling musste er sich nie fühlen „Man macht sich da als Kind ja nicht so viel Gedanken“, berichtet er. „Für mich war das alles ganz selbstverständlich.“ Seine Kindheitserinnerungen bestehen aus Momentaufnahmen eines ganz normalen Familienlebens: „Ich kann mich eigentlich immer nur an besondere Momente erinnern. Wenn mein Vater zum Beispiel eine neue Sorte Bio Zisch entwickelt hat. Die Familie hat draußen zusammen die Blätter von den Rosen gesammelt, dann haben wir da Wasser reingemacht, ein bisschen Honig, ein bisschen Zitronensaft und dann stand das Ganze eine Woche in der Küche und wurde später ins Labor gebracht. So sind viele unserer Produkte am Wochenende entstanden. Manchmal durfte ich in unserem Laden auch auf so einer umgedrehten, grünen Bio-Kiste beim Verkaufen helfen. An solche Situationen erinnere ich mich, wenn ich an meine Kindheit denke.“

Und wie verlief seine Jugend? Gab es auch Zeiten, in denen er rebellierte und die Ideale seiner Vorfahren in Frage stellte? „Ich habe das permanent in Frage gestellt“, erinnert sich Jurek, „Man fragt sich ja, was das Richtige ist.“ Doch ist diese Zeit für ihn ohnehin weniger von familiären Zwängen, sondern viel mehr von der Freiheit, eigene Erfahrungen zu machen, geprägt. Schon mit 15 fängt er an, durch ganz Deutschland, später durch die ganze Welt zu trampen. Nur mit Rucksack und ein wenig Geld fährt Jurek per Anhalter in den Balkan, durch Russland, die Türkei oder den Iran. Sein Vater bietet ihm an, sich das Geld für die Bahntickets mit dem Stapeln von Saftkisten zu verdienen. Doch Jurek möchte die Menschen der Länder in ihren Autos kennenlernen. Dass seine Eltern ihm schon in so jungen Jahren diese Freiheit gelassen haben, findet er mutig. Letzten Endes bekräftigen die Erlebnisse den jungen Mann aber darin, mit seiner eigenen Arbeit Gutes zu tun. „Mir haben schon so viele Menschen geholfen, wenn ich nichts hatte und in Bulgarien an der Straße stand“, erklärt er, „Diese Erfahrungen will ich nie vermissen.“ Und auch die Erfahrungen in anderen Betrieben bestärken Jurek darin, das Erbe fortzuführen. „Mich hat nichts so sehr begeistert, wie die Arbeit bei uns. Ich konnte gar nicht anders, als anzufangen.“

„Die Verantwortung, die man mit seinem Namen trägt, lässt einen nie los“

Doch, wie ist das, wenn Privat- und Berufsleben sich derart vermischen? Wo hört das eine auf, wo fängt das andere an? Und wo zieht man die Grenze? Zumindest was seine Geschwister angeht, hat der Familienvater hier eine ganz klare Meinung: „Es ist total schön, mit seinen Geschwistern zusammenzuarbeiten. Bevor sie mich nerven, vermisse ich sie eher.“ Jeder sei so mit seinem Aufgabenfeld beschäftigt, da müsse man trotz des gemeinsamen Unternehmens schauen, dass man Zeit füreinander fände. Abstand zu schaffen sei für ihn an dieser Stelle also gar nicht nötig.

Dies fällt eher an anderen Stellen schwer: „Die Verantwortung, die man mit seinem Namen trägt, lässt einen nie los. Man macht sich permanent Gedanken darum“, erzählt der Verkaufsleiter. Wegen der grundpositiven Stimmung im Unternehmen sei das zwar vollkommen in Ordnung, trotzdem fühle man sich durchgehend verpflichtet, das Erbe seiner Vorfahren mit Bedacht und Achtsamkeit zu behandeln. „Meine Großeltern und Urgroßeltern hatten ja noch richtig Schwielen an den Händen. Da fragt man sich immer wieder: Wie würden die das gerade finden?“

 

Den Idealen der Vorfahren treu bleiben

Und was hilft dabei, seinen Werten gerade in schnelllebigen Wettbewerbszeiten treu zu bleiben? Bei Jurek einerseits auch wieder die Familie. Sein Vater ist ein großes Vorbild für ihn, weil er sich nicht in Anzüge zwängt oder auf eine sitzende Frisur achtet. „Er ist einfach ziemlich lässig und bleibt bodenständig. Er würde nie mit dem Porsche vorfahren, nur weil andere Unternehmer das machen“, schwärmt der Verkaufsleiter. „Letztendlich muss man ja alles vor sich selbst verantworten. Wenn man Porsche fährt und von Bio spricht, ist das eben nicht glaubwürdig. Da würde man sich schon fragen, ist das nur eine Masche, damit die anderen denken, wir sind Öko?“

Nicht zuletzt müsse man sich die eigenen Werte außerdem in Verhandlungen immer wieder vor Augen führen. „Es ist immer wichtig, dass man fair, transparent und berechenbar ist. Wenn man mal eine bessere Verhandlungsposition hat, muss man eben schauen, dass man sie nicht ausnutzt und der andere was zurückbekommt.“

Schlussendlich stünde man aber auch in der Bio-Branche vor ganz normalen Herausforderungen des Handels. Und da ist Jurek pragmatisch. „Ich sehe unsere Aufgabe darin, leckere Getränke herzustellen und Menschen zukunftsfähige Landwirtschaft schmackhaft zu machen. Der Durchschnittskunde, das sind ja nicht alles Aktivisten. Also müssen wir erst mal auf der ganz normalen Ebene Dinge besser machen, als andere Hersteller. Gut aussehen und gut schmecken. Dann können wir uns sozusagen im Verborgenen für unsere Ideale einsetzen. Man kann ja auch nicht jeden gleich überfallen“, lacht er.

 

 

 

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