9 jahre vegan jubiläum denns

In meiner Jugend wurde mir mal gesagt, dass zwei meiner größten Schwächen mein Mitgefühl und meine Sensibilität seien. Es würde mich bremsen und letztlich mehr Bürde sein statt “irgendetwas Gutes”. “Jeder ist sich selbst der Nächste, das musst du dir merken.”
Ich begann an mir zu zweifeln und bekam das Gefühl viel zu schwach und zu weich für diese Welt zu sein. In der “Ellenbogengesellschaft” lag ich schnell mit angeknacksten Rippen auf dem Boden, während ich die Schuld viel zu oft einzig bei mir suchte. Hart war ich nur zu mir selbst. Im Januar vor genau neun Jahren änderte sich mein Leben beinahe schlagartig, denn ich schaffte es aus meinen “Schwächen” eine Lebensaufgabe zu machen. Die Empathie wurde zu meinem Motor. Und so sehr es nach Floskel klingt, so stark war ich davon überzeugt, dass ich die Welt verändern kann, wenn ich mich nur verändere. Das habe ich getan. Vor neun Jahren wurde ich Veganerin. Und es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Anlässlich dieses Jubiläums habe ich reflektiert, was sich in diesen neun Jahren verändert hat. Die Philosophie des Veganismus ist nach wie vor mein Kompass, aber ich bin derweil 30 Jahre alt und kann behaupten, dass sich nicht nur der Veganismus in Deutschland verändert hat, sondern auch ich mich selbst.

Ich habe in meinen Notizen und Tagebucheinträgen aus den letzten Jahren gestöbert und kam nicht herum einige Male zu lachen oder mit den Augen zu rollen. Ich lade euch hiermit zu einer kleinen Zeitreise ein.

“Was kann man als Veganer überhaupt noch essen, fragen mich die Leute. Ich antworte immer mit >>Nichts<<. Denn ich habe das Gefühl, dass sie sowieso genau das hören wollen.” (Juni 2011)

Wo das Foto eines leeren Tellers damals noch ein Gag unter Veganer*innen war, wenn sie sich mal wieder über Nachfragen “was man denn dann überhaupt essen könne” aufregten, scheint das heute Niemand mehr lustig zu finden. Jeder Mensch meint mittlerweile zumindest ungefähr zu wissen was Veganismus bedeutet. In den Medien ist es regelmäßig Thema. Selbst in Discountern gibt es reichlich vegane Produkte, die groß als solche beworben werden. “Vegane Wochen in Ihrem Supermarkt! Kaufen Sie jetzt!” – Keiner kann mehr sagen, er oder sie wüsste nicht, was Veganer*innen essen.

“Nun, auf jeden Fall grenzt der Anfang des „Veganköstlertums“ schon ein wenig an Bürokratie. Lesen, lesen, lesen & informieren, informieren, informieren. Am Schwierigsten wird es für mich wohl, auf den Käse zu verzichten.” (Februar 2010)

Kurze Zeit später gab es eine kleine Auswahl an veganen Käsesorten im Laden um die Ecke. Und im Nachhinein muss ich gestehen, dass die alle widerlich schmeckten. Es ist lustig sich daran zu erinnern, denn ich (und auch die Veganer*innen mit denen ich mich online austauschte) kauften sie alle und waren wie wild darauf, einfach, weil wir nichts Besseres hatten. Heute kann ich in beinahe jedes Geschäft gehen und finde leckere, gut gewürzte und sogar schmelzfähige vegane Käsesorten. Aber mein Speiseplan hat sich so sehr erweitert, dass vegane “Imitate” nur noch selten auf dem Teller landen.

“Am Wochenende hatte ich eine Diskussion mit einem Bekannten, der mir erklären wollte, dass Äpfel auch Lebewesen seien und es daher totaler Blödsinn sei sich vegan zu ernähren.” (irgendwann in 2010)

Wow. Ich kann mich immer noch sehr gut an diesen Abend erinnern. Wir saßen mit Freunden in einer Bar. Und mir fiel ernsthaft nichts Besseres ein, als mich auf eine ins Nichts führende Diskussion einzulassen und den restlichen Abend in angespannter Atmosphäre zu verbringen. Bei meinem Bekannten hatte ich in dem Moment vermutlich das Bild einer militanten Veganerin abgegeben. Heute bin ich viel entspannter. Ich lasse mich auf solche Diskussionen nicht mehr ein und viele Kommentare blitzen geschmeidig an mir ab. Die Erfahrung hat mich selbstbewusster gemacht.

“Ich habe durch den Veganismus gelernt, mich gesünder zu ernähren, weniger Süßes zu essen, viel Wasser zu trinken und auch Sport zu machen.” (Januar 2011)

Das war eine der Stellen an der ich herzhaft lachen musste, weil ich in dem Moment mit meiner Hand in eine Tüte Chips griff und die letzte Runde Sport mehrere Wochen zurück lag. Aber so ganz verkehrt ist das nicht. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich wirklich intensiv mit Ernährung auseinandersetzte und ganz neue Lebensmittel für mich entdeckte. Was für eine “fancy” Offenbarung war der Geschmack einer reifen Avocado mit Kala Namak Salz auf einer frischen Scheibe Kürbisbrot für mich. Ich lernte zu probieren. Und das obwohl ich in einer Familie aufwuchs, in der das Familienmotto sowas war wie: “Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht.”

Eine ganz wichtige Erfahrung war das Kochen mit frischen Zutaten für mich und wie ich Lebensmittel lieben lernte und einen Sinn für Qualität bekam. Ich versuchte mir Bio-Lebensmittel zu leisten, wann immer ich es konnte und wertschätzte sie. Das alles gab mir nicht nur jede Menge Selbstwertgefühl zurück, sondern half mir auch mich wohler in meinem Körper zu fühlen.

“Leyla und Jens leben jetzt auch vegan!” (Juni 2012)

Das ist eines der schönsten Komplimente, die ich je bekam. Dafür brauchte es keine langen Vorträge oder schockierende Videos aus der Massentierhaltung. Das habe ich einzig mit entspanntem Vorleben, ja, und vielleicht auch mit einigen veganen Muffins geschafft.

Weil ich mein Leben geändert habe, habe ich das Leben von vielen Anderen ändern können. Und damit ein Stückchen die Welt.

9 Jahre vegan. Ich freue mich auf jedes weitere.

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