Als er 2010 bis 2012 auf einem Berg in der Schweiz, fernab der Zivilisation lebt, ahnt Gunther Nann noch nicht, welche riesigen Erfolge er schon kurze Zeit später mit ice date feiern wird. Damals hat der Veganer die Idee, ein Eis herzustellen, das man auch ohne schlechtes Gewissen genießen kann. Zuckerfrei und ohne tierische Produkte. Zunächst tüftelt er nur für sich selbst an den Rezepten herum. Doch schnell fragen ihn immer mehr Freunde nach der Möglichkeit, sein Eis auch käuflich zu erwerben. Heute beschäftigt Gunther Nann um die 37 Mitarbeiter, die nicht nur in seiner Münchener Eisdiele arbeiten, sondern auch Cafés, Restaurants und Bio-Supermärkte mit der gefrorenen Köstlichkeit versorgen.

Hallo, Herr Nann. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview genommen haben. Sie sagen, Ihr Eis sei „wie ein gefrorener Obstsalat“. Was steckt drin, in Ihrem Produkt?

Unser Eis besteht zu hundert Prozent aus pfanzlichen Zutaten in Bio-Qualität. Die Basis bildet nicht Kuhmilch, sondern Cashewcreme. Gesüßt wird nur natürlich mit Datteln. Dabei ist uns wichtig, dass der Geschmack dieser Zutaten mild ist, denn unser Eis soll nach der namensgebenden Zutat schmecken, also zum Beispiel nach Waldbeeren bei unserem Waldfrucht-Eis. Wir verwenden nur vollreife Früchte. Unsere Fairtrade-Bio-Bananen beispielsweise lassen wir so lange nachreifen, bis sie schwarze Punkte bekommen. Erst dann werden sie verarbeitet. Der Fruchtanteil in ice date beträgt mindestens 50 Prozent. Insgesamt entsprechen Zutaten und Nährwert einer Portion von unserem Eis also dem eines Obstsalats mit Nüssen.

Gründete ice date im Jahr 2014: Gunther Nann

 

Sie werben auch damit, dass Ihr Eis „ein echtes Lebensmittel“ sei. Was bedeutet das konkret?

Damit ist gemeint, dass man alle Zutaten, die in unseren Produkten stecken, auch einzeln essen würde. Im Kontrast zu herkömmlichem Eis – da stecken ja vor allem eine Menge Zusatzstoffe oder Pulver drin. Schaut man auf die Verpackung, steht da meistens erst mal Zucker, dann Milchpulver, Emulgatoren, Aromen und Farbstoffe. Da ist meistens nicht eine einzige Zutat zu finden, die man auch so essen würde. In konventionellem Erdbeereis sind in der Regel zwei bis drei Prozent Erdbeeren. Bei den Zutaten von ice date ist das anders. Die Dattel beispielsweise gilt als Brot der Wüste. Sie enthält reichlich Vitamine und Mineralien. Es gibt immernoch Wüstenvölker, die sich vorzugsweise von Datteln ernähren. Dann haben wir die Cashewnuss, die enthält viele gute Mineralien. Die anderen Zutaten setzen sich – je nach Sorte – aus Früchten, Nüssen, Ölen oder Samen zusammen. Alles Zutaten, die man eben auch einzeln essen würde.

 

 

Sie stellen also ein Eis her, das man mit gutem Gefühl genießen kann.

Ja. Mich hat gestört, dass man ein Eis immer mit dem Bewusstsein essen musste, dass es ungesund ist. Deshalb ist bei uns die Herangehensweise eine andere, als bei konventionellen Eisherstellern. In der Lebensmittelindustrie wird in der Regel ein Ziel definiert, bei dem es darum geht, dass ein Produkt bestimmte Eigenschaften aufweisen soll. Bei Eis ist eine solche Eigenschaft oft die Cremigkeit. Dann setzen sich Lebensmittelchemiker hin und versuchen, die Zielvorgabe zu erfüllen. Zum Beispiel durch Zucker. Je mehr Zucker in einem Eis ist, desto weicher wird es. Der bewirkt das gleiche, wie Streusalz auf dem Gehweg im Winter – er senkt den Gefrierpunkt. Ich mache das umgekehrt. Mein Ziel ist es, ein leckeres Eis herzustellen, indem ich die besten Lebensmittel verwende. Eis hat minus 18 Grad. Dann braucht man eben Geduld, wenn man es cremig haben und gleichzeitig mit den Inhaltsstoffen glänzen will.

 

 

Abgesehen von Qualität und Geschmack: Worauf achten Sie beim Bezug Ihrer Rohstoffe noch?

Wir versuchen immer einen Einblick zu bekommen, woher unsere Rohstoffe tatsächlich stammen. Sehr gut geht das zum Beispiel bei unseren Datteln. Diese kommen aus Tunesien, und wir beziehen sie über Rapunzel. Es gibt sogar einen Film über genau die Datteln, die wir über Rapunzel bekommen. In dem Film wird der komplette Weg von der Palme bis ins Allgäu zu Rapunzel gezeigt. Nur der Weg vom Allgäu zu uns nach München fehlt. Der ist allerdings auch nicht allzu spektakulär.

Weiterhin sind uns die sozialen Aspekte wichtig. Wie geht es den Arbeitern vor Ort? Wenn möglich, dann kaufen wir Fairtrade-Ware ein, also zum Beispiel bei Kaffee, Kakao, Bananen. Wenn ein Produkt einmal nicht Fairtrade zertifiziert ist, heißt das allerdings nicht automatisch, dass die Mitarbeiter vor Ort schlecht behandelt werden. Das sieht man auch gut in dem Film über Rapunzel, bei dem die Datteln auch kein Fairtrade-Zertifikat einer dritten Partei haben.

Ein weiterer, wichtiger Punkt ist Umweltfreundlichkeit. Unsere Verpackung besteht aus Papier. Inzwischen beinhaltet sie auch keinen Kunststoff mehr. Das war bei der ersten Generation noch so. Mittlerweile verwenden wir PLA, das ist ein stärkebasierter Kunststoff, der biologisch abbaubar und komplett recyclebar ist. In unserer Eisdiele gibt’s außerdem absolut kein Plastik. Die Löffel und die Becher sind aus Holz.

Um auf die Umwelt Rücksicht zu nehmen, achten wir außerdem darauf, dass unsere Rohstoffe nicht von weiter her kommen, als unbedingt notwendig. So verwenden wir für unser Mandel-Vanille-Eis zum Beispiel keine Mandeln aus Kalifornien, sondern aus Spanien.Wir verarbeiten außerdem keine Flugware. Mangos werden dann also nicht eingeflogen, sondern kommen mit dem Schiff. Da gibt’s übrigens eine lustige Geschichte dazu: Der Chef vom Frankfurter Flughafen hat bei einem Event dort auf unseren Flyern entdeckt, dass wir damit werben, keine Flugware zu verwenden. Danach hat er dafür gesorgt, dass es ice date nie mehr auf deren Events gab.

 

Das dürfte Ihnen ja keinerlei Abbruch getan haben, wenn man Ihre Erfolge bedenkt. Sie wachsen von Jahr zu Jahr und erhalten immer wieder Auszeichnungen. Wie haben Sie die Leute von Ihrem Eis überzeugt?

Ein großes Sprungbrett war definitiv das Tollwood-Festival in München. Da habe ich die Gastronomie kontaktiert und wollte einen Stand buchen. Zuerst hieß es dann, sie könnten sich das noch nicht so vorstellen, aber wir sollten mal vorbei kommen. Wir sind dann mit zwei, drei Kilo Eis dort hingefahren, um uns vorzustellen. Als der Chef dann probiert hatte, hat er das ganze Büro zusammengetrommelt und plötzlich haben alle gemeinsam unser Eis gegessen. Da hieß es dann „Okay, ice date ist dabei“. In diesem Jahr haben wir dort auch gleich den Gastro-Award bekommen und es folgten eine Menge Medienberichte.

Ein großer Punkt ist aber auch, dass es sich herumspricht, wenn die Kunden überzeugt sind. Es kommt zwar nicht mehr so häufig vor, aber wenn ich einmal hinter der Vitrine stehe und Eis verkaufe, liebe ich es, in die glücklichen Gesichter zu sehen. Da kommen dann Mütter mit Kindern, die ihr erstes Eis essen dürfen und strahlen bis über beide Ohren. Das ist superschön.

 

Das klingt nach einem Produkt, das alle Beteiligten glücklich macht! Herzlichen Dank für das Interview, Herr Nann!