Was passieren kann, wenn Kinder kreativ werden

„Kinder, passt mal auf! Ihr wisst ja, wir müssen jetzt kurz zum Gratulieren fahren, aber das dauert nicht lange, eine Stunde vielleicht. Essen gibt es heute dann ein bisschen später. Also seid brav und macht keinen Unsinn!“ Wir drei darauf unisono: „Nein, wir machen keinen Unsinn!“ Das stimmte auch, wir wollten wirklich keinen Unsinn machen. Aber dafür etwas ganz Tolles! Um ehrlich zu sein, hatten wir auf diese Gelegenheit schon lange gewartet, aber irgendwie waren wir vormittags nie allein gelassen worden. Ein echter Wink des Schicksals, dass es ausgerechnet jetzt am Muttertag funktionieren würde.

Den Muttertag zelebrierten wir sonst auf eine ganz bestimmte Weise. An diesem einen Tag standen wir Kinder früher auf als sonst, manchmal deckten wir sogar den Frühstückstisch, und ohnehin wollten wir den ganzen Tag über so nett und freundlich sein wie nie zuvor. Auch mein Vater ließ sich nicht lumpen und hatte immer einen riesigen Blumenstrauß parat. Meine Mutter hingegen freute sich zwar über unsere Bemühungen, sah das Ganze aber ein bisschen fatalistischer. Immerhin gab es da genau 364 Tage im Jahr, an denen die Arbeit ausschließlich an ihr hängenblieb und selbst zum Abtrocknen niemand ohne explizite Aufforderung kam.

Wie ist der Muttertag eigentlich entstanden?

Muttertag, das hatte ich in der Schule mitbekommen, wurde allerdings nicht überall mit demselben Enthusiasmus begangen wie bei uns. Die alternative Familie aus dem Forsthaus fand zum Beispiel, dass dieser Tag weder politisch noch vom Rollenverständnis her ein Anlass zum Jubeln wäre. Schließlich hätten die Nazis diesen Tag erst eingeführt. Tatsächlich ist das sowohl richtig als auch falsch. Falsch dabei ist, dass es den Muttertag davor nicht gegeben hätte. Eingeführt wurde er nämlich in den USA von der Methodistin Anna Marie Jarvis. Sie hatte sich zur Aufgabe gemacht, den zweiten Mai-Sonntag der Liebe und Verehrung aller Mütter zu widmen. Ihre Kampagne war dann auch im US-Kongress erfolgreich, und ab dem Jahr 1914 galt der Muttertag als offizieller nationaler Feiertag.

Weniger glücklich war die Begründerin allerdings mit der Entwicklung, den die Feierlichkeiten nahmen. Vorgedruckte Karten wurden produziert, spezielle Süßigkeiten hergestellt, und Blumenhändler starteten Überbietungswettbewerbe. Anna Marie Jarvis versuchte gegen diese Kommerzialisierung des Muttertags vorzugehen und organisierte sogar einen Boykott. Aber erfolglos. Die Idee war in der Welt und sprang innerhalb weniger Jahre über den Atlantik. Auch in Deutschland war es übrigens der Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber, der die Muttertagsidee zunächst völlig unpolitisch propagierte.

Allerdings, und hier hat unsere Forsthaus-Familie Recht, kamen dann die Nationalsozialisten und sahen ihre Chance darin, von harmlosen Blumengrüßen ohne große Umwege auf die „Vermehrung der germanischen Herrenrasse“ umzuschwenken. Ab dem Jahr 1933 wurde der dritte Sonntag im Mai ein offizieller Feiertag, und ab vier „arischen“ Kindern gab es schließlich auch noch das Mutterkreuz ans Revers geheftet. Das änderte sich zwar nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber während die DDR stattdessen den Internationalen Frauentag am 8. März einführte, blieb der Westen weiterhin auf der Mutterlinie – allerdings ohne gesetzliche Verankerung. Beim Blick auf die Geschichte lässt sich also nicht leugnen, dass der Muttertag schon ein gewisses Päckchen zu tragen hat.

Kinder am Herd sind Goldes wert

Nun zurück ins Dorfleben Anfang der 1980er Jahre. Bei uns war die Zweifelhaftigkeit des Ehrentages definitiv nicht angekommen. Und so machten wir drei Geschwister uns an die Arbeit, kaum dass die Haustür zugeklappt und die Eltern weggefahren waren. Die großartige Überraschung sollte nämlich heißen: Wir kochen selbst das Mittagessen! Die Begeisterung darüber wich jedoch ziemlich schnell einem gewissen Zweifel. Was sollten wir denn kochen? Und wie geht das überhaupt? Eigentlich durften wir den Herd ja nicht bedienen. Immerhin wussten wir aber, wie die Kochplatten an- und abgestellt werden. Zu kompliziert durfte es dennoch nicht sein, denn wie man brät und bäckt, davon hatten wir schlichtweg keine Ahnung.

Was könnte es also geben? Logisch, Nudelsuppe! Schnell war der Kochtopf mit Wasser gefüllt und auf die Kochplatte gestellt. Nudeln gab es reichlich im Küchenschrank. Aber gehörte da nicht auch Gemüse hinein? Wo sollten wir das jetzt herbekommen? Und was macht man damit? „Ach“, meinte ich zu meiner Schwester, „das Gemüse ist doch nicht so wichtig. Dann gibt es eben Nudelbrühe.“ Einverstanden. Irgendwie hatten wir schon einmal mitbekommen, dass man für eine Brühe noch irgendwas ins Wasser geben muss, damit es schmeckt. Aber was? „Ich hab’s, Gewürze!“, rief ich voller Begeisterung. Salz und Pfeffer gab es in eigenen Streuern, die gehörten also definitiv in jedes Essen. Die anderen Gewürze allerdings rochen ziemlich merkwürdig. Ob wir damit die Brühe nicht eher verderben? Hm, am besten nichts falsch machen.

Eine schöne Bescherung

Als meine Eltern wiederkamen, rochen sie natürlich sofort den Braten. „Es dampft ja aus der Küche!“, rief meine Mutter, „habt ihr etwa den Herd angestellt? Das darf doch nicht wahr sein, man kann euch auch keinen Moment allein lassen!“ „Wir haben aber keinen Unsinn gemacht“, meinte ich darauf, „sondern extra zum Muttertag eine Suppe gekocht.“ Ärger über die ungezogenen Blagen, Freude über die gute Absicht, Zweifel über das Ergebnis – all das konnte ich im Blick meiner Mutter erkennen. „Na dann“, seufzte sie schließlich, „kommt, teilt schon mal die Teller aus.“

Bereits der erste Löffel, den ich von der voller Stolz zubereiteten Suppe nahm, hielt eine große Enttäuschung bereit. Es schmeckte scheußlich. Gut, die Nudeln waren tatsächlich weich und gelungen, aber damit hatte es sich auch. Die Brühe schmeckte nämlich genau wie ihre Zutaten: gesalzenes und gepfeffertes Wasser. Meine Mutter verzog unwillkürlich das Gesicht. „Puh, was habt ihr da denn reingetan?“ „Naja, Salz und Pfeffer“, antwortete ich kleinlaut. „Und sonst nichts?“ War das etwa eine Fangfrage? Wahrscheinlich nicht. „Nein, wieso, gehört da noch mehr rein?“, fragte ich nichtsahnend. „Ach Kinder“, meinte meine Mutter daraufhin, „ich glaube, ich muss euch öfter mal ein bisschen zuschauen lassen beim Kochen…“

Leer wurden unsere Teller am Muttertag nicht. Nur mein Vater machte gute Miene zum zweifelhaften Spiel, sagte „och, schmeckt doch eigentlich ganz gut“ und nahm sich doch tatsächlich noch eine Kelle extra.

Rezept für eine schöne Suppe zum Muttertag (für 5 Personen)

  • zwei Liter Wasser
  • ein Teelöffel Salz
  • ein Teelöffel gemahlener Pfeffer
  • 250 g Spiralnudeln

Wasser zum Kochen bringen, Nudeln hineingeben und nach Packungsangabe kochen lassen. Salz und Pfeffer dazu, fertig!