Olle Körner? Von wegen. Getreidekörner bilden eine der wichtigsten Grundlagen unserer Ernährung. Was ursprünglich aus wilden Gräsern über Jahrhunderte hinweg gezüchtet wurde, beschränkt sich in der Praxis meist nur noch auf wenige Hochleistungssorten. Ich erkläre dir, warum wir für die Zukunft nachbaufähige Getreidesorten benötigen, welche Anforderungen diese erfüllen müssen und wie sie gezüchtet werden. 

Ob das Marmeladenbrot zum Frühstück, die Pasta am Mittag oder der Kuchen zum Nachmittagskaffee – darin steckt immer Mehl und somit Getreide. Auch wenn es uns oft nicht bewusst ist, essen wir also täglich Getreidekörner. Meist allerdings in verarbeiteter Form. Das überwiegende Getreide bei uns ist Weizen. Dieser hat vor ca. 60 Jahren den Roggen als wichtigstes Brotgetreide abgelöst. Doch statt stabilen, samenfesten Sorten dominieren Hybridsorten die industrielle Landwirtschaft. Hier ist ein möglichst hoher Ertrag das oberste Ziel.

Saatgut als Teil des ökologischen Kreislaufgedankens 

Hybridsorten können nicht – wie es von der Natur aus eigentlich konzipiert wäre – nachgebaut werden. Den Unterschied zwischen nachbaufähigem bzw. samenfestem und Hybrid-Saatgut habe ich bereits ausführlich in diesem Blogartikel erklärt. Bei der Verwendung von nachbaufähigem Saatgut entsteht eine Art Kreislauf. Jedes Jahr wird nach der Ernte ein Teil einbehalten, gelagert und bei der nächsten Aussaat wieder auf die Felder gebracht. Dieser Kreislaufgedanke ist ein wichtiger Kernaspekt des Ökolandbaus. Ein ökologischer Betrieb wird wie ein in sich funktionierender Organismus gesehen. Dazu gehört auch das Saatgut, soweit möglich im eigenen Betreib zu erzeugen. Und eben nicht jedes Jahr neues Saatgut zu kaufen und abhängig von Konzernen zu werden.

Getreidesorten wie Weizen, Roggen, Triticale und Mais stehen im besonderen Fokus der großen Saatgutkonzerne. Für den biologisch-biodynamischen Anbau ist es besonders wichtig, nachbaufähige und zukunftsfähige Sorten selber zu züchten. Einerseits um unabhängig zu bleiben und andererseits, um die Sortenvielfalt zu erhalten und weiterzuentwickeln. 

Gemeinnütziger Verein für Getreidezüchtung (gzpk)

Genetische Vielfalt zu wahren und zu fördern ist ein Kernziel der „Kernkraft? Ja, bitte!“ Kampagne von denn’s Biomarkt. In meinem Blogartikel über die Initiative erkläre ich ausführlich, warum diese Vielfalt so wichtig ist. Wir benötigen zukunftsfähige Sorten, die ohne Pestizide und künstliche Düngemittel widerstandsfähig sind. Und das auch bleiben, wenn sich Bodenbeschaffenheit oder klimatische Bedingungen ändern. 

Deshalb unterstützt denn’s Biomarkt im Rahmen der Kampagne den gemeinnützigen Verein für Getreidezüchtung Peter Kunz. Der Verein bietet Weizen, Dinkel, Triticale, Emmer, Erbsen, Lupinen, Sonnenblumen und Mais in samenfester Qualität an.

Vielfalt bewahren, denn Getreide ist Kulturgut

Seit 35 Jahren trägt der Verein dazu bei, den Kreislaufgedanken der ökologischen Landwirtschaft auch beim Saatgut zu verwirklichen. Neben der Nachbaufähigkeit sollen die Sorten eine hochwertige sowie verwertbare Nahrungsquelle für uns Menschen darstellen. Das wird bei gzpk auch in Backversuchen getestet. Außerdem hat die Getreidezüchtung zum Ziel, die Biodiversität zu erhalten und zu mehren. Es bedarf einer kontinuierlichen Begleitung der Kultur-Pflanzenentwicklung, da sich die klimatischen Bedingungen ständig verändern.

Wie die Züchtung neuer Getreidesorten funktioniert 

Die Züchtung erfolgt nach einem bestimmten Schema mit 5 Schritten. 

Zunächst werden zwei Partner entsprechend ihrer Merkmale ausgewählt und miteinander gekreuzt. In den Jahren nach der Kreuzung entsteht eine vielfältige Population.

Dann wählen die ZüchterInnen einzelne Ähren aus und selektieren in den folgenden Jahren nach den gewünschten Eigenschaften. Dieser Schritt nennt sich Linienselektion. Maßgebliche Eigenschaften sind unter anderem Die Back- sowie Ernährungsqualität, Ertragsfähigkeit, Widerstandsfähigkeit, Resistenz gegen Unkraut und Krankheiten oder Winterfestigkeit bei Wintergetreiden.

Ab dem 9. Jahr beginnt die Sortenprüfung. Hier werden die Zuchtlinien wiederholt, die vielversprechend wirken. Diese werden an verschiedenen Standorten auf Gesundheit, Ertrag und Qualität geprüft.

Zum Schluss erfolgt Vermehrung und Vermarktung. Diese kann nach erfolgreicher Anbaueignungs- und Sortenschutzprüfung starten. In der Summe vergehen 12 bis 15 Jahre bis eine neue Getreidesorte angemeldet und vermarktet werden kann.

Mehr als die Summe seiner Krümel

Die gzpk-Sorten sind mittlerweile der Standard im Biomarkt und haben bei biologisch-dynamischen Betrieben einen Marktanteil von 30 Prozent. Nach der Ernte kann ein Teil des Getreides einbehalten und später als Saatgut wieder auf den Feldern ausgebracht werden. So wird der natürliche Kreislauf bewahrt. Hole deine Backwaren deshalb am besten immer im Biomarkt. Wenn du das nächste Mal in dein Frühstücksbrötchen beißt, ist dir jetzt vielleicht noch bewusster, dass darin viel mehr steckt, als die Summe von ein paar Krümeln.