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Wir haben es gut. Das meint die Chefin und ich werde ihr nicht widersprechen. Ihre aktuelle Begründung für die erfreuliche Feststellung: uns stellt sich die Kleiderfrage nicht. Wird es kühler – so wie jetzt im bevorstehenden Herbst – schieben wir Winterfell. Da schreib ich so selbstverständlich schieben wir Winterfell – wer in uns macht das? Wie geht das eigentlich genau? Sitzen da kleine blaue Frauchen in den Hautzellen, die Vorratshaare nach außen schieben oder wie kann ich mir das vorstellen? Keine Ahnung – aber eigentlich eine wunderbare Erfindung der Natur, so punktgenau unsere Bedürfnisse zu befriedigen.

Es gibt sogar eine Wissenschaft dazu: Die Chronobiologie. Kommt von Chronos – Zeit -und Biologie als Lehre der belebten Natur. Dabei wird die zeitliche Organisation physiologischer Prozesse und wiederholter Verhaltensmuster von Organismen untersucht – heißt es bei Wikipedia. Spannend finde ich, dass dabei Rhythmen eine große Rolle spielen. Kennt ihr bestimmt auch – zum Beispiel die innere Uhr. Meine arbeitet sehr präzise. Futterzeiten sind da wie auf einem Wecker eingestellt. Und wehe, die werden nicht eingehalten. Da randalieren wir Zicken dann gern schon mal am Törchen, durch das die Hobbybäuerin mit den Leckereien unweigerlich kommen muss. Randalieren würden wir unsere gut akzentuierten Lautäußerungen natürlich nie nennen – wir melden uns einfach, damit der Futterrhythmus eingehalten wird. Für diese deutliche Erinnerung sollte die Chefin eigentlich dankbar sein, schließlich ermöglicht sie ihr eine Synchronisation ihrer und unserer Rhythmen. Offenbar fällt es Menschen manchmal schwer, sich an Rhythmen zu orientieren. Da soll es Störfaktoren geben wie Handy, Laptop, Lieblingsserien, Redaktionsschluss-Termine und ähnliches.

Neben diesen inneren Rhythmen spüren wir alle – wenn wir unsere Sensoren darauf ausrichten wird es uns auch bewusst – Rhythmen als äußeren Einfluss wie etwa Tag-Nacht-Rhythmus oder Mond-Rhythmus inklusive Ebbe und Flut. Licht und Temperatur sind wichtige Zeitgeber für rhythmische Prozesse. Das merken wir ja beim Fellwechsel. Es wird kühler, die Tage werden kürzer und der Pelz dichter. Damit unser Fell gut wächst, bekommen wir von der Chefin sogar einen Schuss Rapsöl in die Handvoll Getreide-Schrot, die sie uns kredenzt. Die Fettsäuren oder wie die Dinger da drinnen heißen, sollen gut für Haut und Haare sein – und im Mineralfutter wirkt positiv die Kieselsäure. Sie denkt wirklich an (fast) alles unsere Chefin.

Ob die Kleiderordnung auch mit unserer sexy-Ausstrahlung in Verbindung steht? Bei den Menschen spielt das Outfit da ja offenbar eine nicht zu unterschätzenden Rolle. Und weil Männern und Frauen nicht einfach zweimal im Jahr das Fell neu wächst, ist wohl stattdessen ein Shopping-Gen angelegt. Darauf kann ich gern verzichten nach dem was ich da bei Frauen-Gesprächen mal so alles aufgeschnappt habe – scheint ein ziemliches Stress-Gen zu sein. Aber ich schweife ab – wir wollten doch die sexy Erscheinung in Verbindung bringen mit der Chronobiologie. Ihr habt wahrscheinlich keine Ahnung worauf ich hinaus will? Unser zickenmäßiger Lust-Rhythmus hängt von Licht und Temperatur ab. Ich werde jetzt nix zu Kuscheldecken und Wollsocken schreiben. Aber wir Ziegen sind nun mal saisonal brünstig – wie es in der prosaischen Fachsprache heißt. Also geht unser Fellwechsel – die neue Kleiderordnung – einher mit einer erotischen Ausstrahlung in Richtung Bock. Elf Monate im Jahr ist er uns relativ gleichgültig der Kerl. Aber jetzt hat er Saison. Fast schon ein bisschen albern, wie er sich in Posing-Manier nähert. Und sein Parfum – für uns geradezu unwiderstehlich. Menschen haben da offenbar andere olfaktorische Präferenzen, denn das Maulharnen (wie die Parfümierung genannt wird) scheint ihnen eher unangenehm aufzufallen. Jedenfalls könnt ihr zur Zeit bei einem Besuch in der Zickenzone erotische Szenen beobachten. Das zärtliche Keckern des Bocks, unsere spielerischen Ausweichbewegungen, neckische Verfolgungsspiele und sanfte Rangeleien – alles folgt einem über Generationen überlieferten Ritual und mündet unweigerlich in einem Deckakt, der dafür sorgt, dass auch nächstes Jahr muntere Zicklein über die Wiese springen und leckere Käse hergestellt werden können. Wer jetzt zu Besuch kommt wird nie wieder das unschöne Schimpfwort vom geilen Bock verwenden, denn eins steht fest: egal wie beharrlich der Bock uns umwirbt, entscheiden wann was passiert tun letztlich immer wir Zicken. Wir wissen eben Bescheid – weibliche Intuition und Einbindung in kosmische Rhythmen.

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