Melken_IMG_8695_VIS(1)Wer hat sich schon mal Gedanken darüber gemacht, was es für uns – die ebenso sensiblen wie eigensinnigen Zicken – eigentlich bedeutet, gemolken zu werden? Ja ich weiß, die Vegan-Fraktion ruft „Melken nein danke“ – das meine ich jetzt aber nicht. Ich schenke meine Milch durchaus gern her, wenn die Voraussetzungen stimmen. Als da wären:

  • Vorrang für meinen Nachwuchs. Solange die Zicklein meine wunderbare Milch benötigen sollen sie sich an meiner Milchbar bedienen können. In unserer ursprünglichsten Entwicklung war dieser Zeitraum auch limitiert (durch die Lust der Kleinen an dem was draußen wächst und den Wiederkäuer-Stoffwechsel aktiviert, durch das nicht immer üppige Nahrungsangebot für die       Ziegenmütter und durch hormonelle Zyklen).
  • Gute Versorgung mit wesensgemäßen Futtermitteln (also kein Kraftfutter-Doping für Rekordmilchlieferungen).
  • Vertrauensvolle Beziehung zum Melker bzw. zur Melkerin.

Wie schön, dass alle drei Aspekte bei uns in der Zickenzone bestens berücksichtigt werden. Nach dem Ablammen – so heißt das nun mal – bekommen die Zicklein die ersten drei bis vier Wochen die gesamte Milch aus meinem Euter. Dann fängt die Chefin an, morgens und abends die Rest-Milch aus dem Euter zu melken, die übrig ist. Das nennt sie eine klassische win-win-Situation – klingt für mich irgendwie chinesisch, bedeutet jedoch einerseits, dass die zarten Finger, Hände, Muskeln, Sehnen und Gelenke der Chefin ein Trainingsprogramm absolvieren und fit werden für die durchaus anstrengende Melkerei (hier wird halt noch per Hand gemolken). Und andererseits bei uns Ziegenmüttern die Stimulation für die Milchlieferung erhalten bleibt, auch wenn die rasant wachsenden Jungtiere gar nicht mehr so viel Milch nachfragen. Also wirklich ein ganz klassisch marktwirtschaftliches Prinzip (aber das ist wieder ein anderes Thema). Zwei weitere Wochen später werden die Nachwuchs-Jungs und –Mädchen im Kindergarten separiert und alle Milch landet im Eimer. Soviel zu Punkt eins.

Und zu Punkt zwei: Wir können Tag und Nacht frei entscheiden, ob wir auf die angrenzende Wiese gehen – und den Zaun in Richtung Wald immer mal wieder überwinden, um die besonders leckeren Blätter und die soooo gesunde Rinde zu naschen – oder im großen Offenstall an der Raufe das gut duftenden Heu knurpzeln. Im Melkstand gibt es dann eine Handvoll Getreideschrot von einem befreundeten Demeter-Hof und Mineralfutter, dazu Möhren, Äpfel und all das was in einem vegetarischen Haushalt so an Gemüseresten anfällt (ihr erinnert euch an die Vorliebe der Chefin für die Pastinake Aromata?).

Über drittens könnte ich ein dickes Buch schreiben … ein bisschen dazu erfahrt ihr ja ohnehin immer hier im bioblog. Und heute nähern wir uns dabei sogar der Intimsphäre. Über Grapschereien will ich mich hier nicht dezidiert äußern, da kursiert derzeit gerade ohnehin genug in den Medien. Aber so viel kann ich euch verraten: es braucht schon eine stabile, vertrauensvolle Bindung, um sich gelassen ans Euter fassen zu lassen. Wer es nicht glaubt darf es gern mal versuchen – und mit Hörnern Bekanntschaft machen, die zu uns biodynamischen Ziegen dazu gehören wie ihr wisst, und die wirklich nur in einem solchen Ernstfall zur Verteidigung eingesetzt werden.

Also fängt die Chefin schon bei den Allerkleinsten an. Meistens wollen wir sie ja bei den Geburten dabei haben, dann lernt unser Nachwuchs Menschen gleich beim ersten Wimpernschlag als freundliche, fürsorgliche, aufmerksame, wohlwollende Wesen kennen. Manches kecke Zicklein übertreibt dann nach ein paar Tagen auch schon mal und springt der Chefin einfach auf den Rücken, wenn sie sich beim Misten mal bücken muss – einfach köstlich. Jedenfalls sind wir alle handzahm und lassen uns selbst von Besuchern bereitwillig am Hals oder Rücken streicheln. Nur die Chefin darf uns die Beine hochheben um die Klauen zu schneiden, darf uns unter den Bauch fassen um Kletten raus zu zuppeln und eben auch ans Gesäuge.

Allerdings habe ich schon miterlebt, dass Erstgebärende sich trotzdem im Melkstand wild aufführen, obwohl sie da schon mit ihren Müttern reinmarschiert sind als sie klein waren. Da braucht es dann mal eine klare Ansage der Chefin. Der Anbindestrick wird dann deutlich kürzer geschnallt, die Chefin setzt sich auf den Melktisch und nicht auf den Melkschemel und begrenzt mit ihrem Körper die widerspenstige Ziege. Behutsam und beharrlich massiert sie das Euter, ohne schon die oft winzigen Zitzen – Striche heißt das bei uns – zu berühren. Das wird ein paar Tage lang geübt, versüßt durch Leckereien in der Futterkrippe gleich vor dem Melktisch. Bisher hat sich jede unserer Ziegen hier daran gewöhnt und dann auch akzeptiert, dass die Zitzen mit rhythmischen Bewegungen gezogen werden, damit die Milch fließt und der Strahl in den Edelstahleimer spritzt. Allerdings hat die Chefin dabei manchmal ganz schön geschwitzt – das nimmt sie in Kauf.

Melkprozess(1)Und wenn eine allzu widerspenstig bleibt, erzählt sie gern zwei Geschichten. Die eine erleben wir Ziegen hautnah nach jeder Geburt. Die Zicklein stoßen beim Trinken mit ihren Köpfen gegen unsere Euterhälften, um den Milchfluss zu aktivieren. Je älter sie werden und je größer die Hörner sind kann das durchaus mal ganz schön unangenehm sein – kein Vergleich zu den zarten Annäherungen der Chefin. Die andere haben wir hier noch nie erlebt, aber entfernte Ziegen-Verwandte von einem anderen Hof. Da musste die Melkerin in der Urlaubszeit vertreten werden – es kam ein Mann. Nicht der Größenunterschied der Finger war das Problem – sondern seine Bierfahne. Denn vor dem abendlichen Melken nach anstrengender Feldarbeit gönnte sich der Melk-Vertreter gern ein kühles Pils….. unsere Kolleginnen machten ihm klar, was sie davon halten – nämlich gar nichts. Allerdings hat er ein bisschen gebraucht um rauszufinden was die unfreundliche Melkbegegnung verursacht. Aber weil die Zicken morgens immer total kooperativ und freundlich waren dämmerte ihm die Bier-Ursache relativ schnell. Also hat er das Feierabend-Bier auf die Zeit nach dem abendlichen Melken verlegt – und damit schließe auch ich das Kapitel Bier in der Zickenzone ab, denn bei den anderen Bloggern begegnet es euch in deutlich interessanteren Variationen. Prost!

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