Habt ihr schon mal Bio-Kleidung gekauft und hattet ein seltsames Bauchgefühl, als ihr auf dem Label ‚Made in China‘ gelesen habt? Unser Kunde Tom hatte dieses Gefühl offenbar beim Kauf unseres GOTS-zertifizierten Schals aus 100 % Bio-Leinen. Er hat es in seiner Bewertung auf unserer Homepage zum Ausdruck gebracht. Wir möchten Stellung nehmen: Wie geht das? Einerseits bio und fair – andererseits ‚Made in China‘, der Hochburg der textilen Billiglohnproduktion?!

made in china

‚Made in China‘ = schlecht?

… würde ich so nicht sagen! Nun ja, wenn ihr konventionelle Kleidung aus China kauft, dann müsst ihr davon ausgehen, dass die Herstellung nicht nach ökologischen und sozioökonomischen Kriterien vor sich ging, wie wir sie uns erhoffen. Traurig, aber wahr. Die Verwendung von Kunstfasern auf Erdölbasis ist weit verbreitet, wobei das noch das geringste Übel ist. Giftige Farbstoffe und Chemikalien kommen zum Einsatz, die sowohl mit den Arbeitern in den Fabriken in Berührung kommen als auch mit der Umwelt – etwa in Form von ausgeleiteten Abwässern in den nächstgelegenen Fluss.

Sicherheitsmaßnahmen werden kleingeschrieben, sofern überhaupt vorhanden. Akkordarbeit ist leider auch keine Seltenheit, die Arbeitszeiten sind entweder gar nicht geregelt oder vorhandene Vorschriften werden unter dem üblichen Zeitdruck nicht eingehalten. Die fesche Jeans im angesagten Used-Look wird sandgestrahlt – genauso wie die Atemwege der Menschen, die es machen. Wenn ihr also etwa zum Textil-Discounter geht und „Made in China“-Kleidung kauft, dann ist das im Hinblick auf Nachhaltigkeit ziemlich schlecht (lassen wir es mal so verallgemeinert stehen).

Was aber, wenn der Produktionsbetrieb in China ein nachhaltiger ist? Dann ist vielleicht noch der lange Transportweg ein durchaus berechtigter Kritikpunkt. Eine kurze Reportage zu diesem Thema könnt ihr euch hier ansehen.

Bio-Kleidung ‚Made in China‘ erfüllt die Richtlinien

Jetzt wird’s heikel. Nun darf man nicht mehr verallgemeinern. Deshalb spreche ich jetzt nur noch von unseren Produktionsbetrieben bei LIVING CRAFTS, da mir der Einblick in andere Fabriken fehlt. Wir haben aktuell knapp über 20 Lieferanten – und zwei davon in China. Auf dem Foto seht ihr unseren chinesischen Agenten Andy und seine Assistentin bei der Verhandlung über neue Aufträge.

Made in China_Büro_Lieferant

Die beiden Unternehmen sind GOTS-zertifiziert, sie müssen die gleichen Auflagen erfüllen wie ein GOTS-zertifizierter Betrieb in Deutschland oder der EU. Sie werden genauso regelmäßig und zum Teil unangekündigt von unabhängigen Stakeholder-Initiativen (bei LIVING CRAFTS und unseren Lieferanten übernimmt das der niederländische Zertifizierungsdienstleister Control Union, bzw. dessen deutscher Ableger PCU Deutschland) in Hinblick auf die Einhaltung des Standards kontrolliert. Und sie müssen den Richtlinien der Fair Wear Foundation gerecht werden, deren Mitglied LIVING CRAFTS ist – also der Kunde des chinesischen Lieferanten in diesem Fall.

Im Hinblick auf Ökologie komme ich zu folgendem Zwischenfazit: Unsere Bio-Kleidung aus China ist nachhaltiger als konventionelle Kleidung. Und im Hinblick auf Fairness: Die Produktionsbedingungen werden streng kontrolliert. Wenn also Bio-Textilhersteller auf Lieferanten in China zurückgreifen, so fördern sie sogar die Verbesserung der dortigen Arbeitsbedingungen, da die Fabriken gezwungen werden sich an die Standards anzupassen. Je mehr Produktionsstätten das tun, desto nachhaltiger wird die gesamte chinesische Textilwirtschaft.

Damit ihr einen Eindruck von unseren chinesischen Produktionsunternehmen bekommt, hier einige Bilder von unserer letzten Asienreise:

Made in China: Baumwollstoff

Made in China: Näherei

‚Made in China‘ vs. ‚Made in India‘

Was mich persönlich immer etwas verwundert ist die mediale Hetzjagd auf ‚Made in China‘-Produkte, während kein Hahn nach etwa den ‚Made in India‘-Artikeln kräht. Das ‚Made in China‘-Label hat sich schon fast zu einem Synonym für schlecht, billig, minderwertig, menschenverachtend und umweltschädlich entwickelt. Dass etwa das Kastensystem in Indien eine soziale Struktur mit sich bringt, die noch weiter von unserem Verständnis von „Fairness“ entfernt ist, das ist ziemlich in den Hintergrund geraten. Ebenso ist das Lohnniveau – und damit der Lebensstandard – in China mittlerweile höher als in Indien. Dennoch hatte auch unser Kunde Tom in seiner oben stehenden Produktbewertung diese Gegenüberstellung gebracht zwischen Indien und China. Gerne würde ich ihn fragen, was genau den bewerteten Leinen-Schal „besser“ machen würde, wenn er aus Indien käme. „Schlechter“ wäre vermutlich nur noch „Made in Bangladesch“?! Am Besten ist und bleibt ein angemessenes Maß an Differenzierung.

Wie sieht’s bei euch aus? Wie steht ihr zu ‚Made in China‘-Bio-Kleidung? Ist die Herkunft des Produkts ein Kaufkriterium für euch oder vertraut ihr dem GOTS-Siegel und/oder der Mitgliedschaft des Herstellers bei der Fair Wear Foundation? Würdet ihr es gutheißen, wenn Bio-Textilhersteller ihre Produktion aus China komplett abziehen? Oder findet ihr, dass ‚Made in China‘ unter strenger Kontrolle eine Chance verdient hat und wir eine differenziertere Haltung gegenüber dem Label an den Tag legen sollten?

Abschließend noch ein Artikel zum Thema.

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